Sie trafen sich in der Klappse West. A.H. und A.U. søna hatte ihnen den Ort empfohlen und den Türsteher bestochen, weil das in dieser Stadt so läuft – man kennt jemanden, der jemanden kennt, der die Tür aufmacht, wenn sie eigentlich zu sein sollte.
Bülent hatte also die Augen zugemacht. Für Geld macht man das. Manchmal auch für weniger. Für søna sowieso.
A.H. saß A.U. gegenüber an dem kleinen Tisch in der Ecke. Das Licht war das richtige Licht für das, was gleich kommen würde. A.U. bemerkte das Licht. Bemerkte, was es mit A.H. machte. Ließ den Gedanken kurz stehen, dann weglaufen. Manche Gedanken lässt man besser laufen.
A.H. musterte sie ohne Eile und ohne Scham. Ein Grinsen brach aus ihr heraus. Entstand aus dem Nichts – plötzlich da, dann weg, irgendwo in den dunklen Locken versunken. A.U. dachte: verdammt. Nicht laut. Nur so.
Das Nichts stand zwischen ihnen. Noch unberührt. Das würde sich ändern.
„Du solltest Dich weniger mit JJ rumtreiben“, sagte A.H. „Die bringt Dich nur auf schräge Gedanken.“
„Du meinst wegen dem Reutlinger.“
Kein Fragezeichen. A.H. ließ es kurz stehen. Ließ es auf dem Tisch liegen wie ein leeres Glas.
„Mal ehrlich – wie kann man seinen Partner als ›Stecher‹ im Handy abspeichern?“
A.U. lachte. Hell und kurz. Das Lachen von jemandem, dem das Leben noch nicht sämtliche Ironie ausgetrieben hat. A.H. sah sie dabei an. Direkt. So wie man jemanden ansieht, wenn man weiß, dass man es darf.
A.U. merkte es. Sagte nichts.
„Du weißt das?! Ich finde es gut. Es passt zu JJ. Überhaupt finde ich JJ ziemlich cool.“
A.H. griff sich an die Stirn.
„Cool.“ Eine Pause. „Sie ist Gerichtsmedizinerin. Sie sitzt auf Leichen.“
„Sie löst damit jeden Fall.“
„Mit nackter Pussy.“
„Mit nackter Pussy“, bestätigte A.U. Kein Zucken. Kein Lächeln. Nur die Tatsache.
A.H. sagte nichts. Manche Dinge ließen sich nicht kommentieren. Man ließ sie stehen, wie einen Geruch, der sich irgendwann verzieht – oder auch nicht.
„Hast Du wenigstens ihr Rezept gegen eine beginnende Erkältung probiert?“
A.U. grinste. Ein doppelter Whiskey. Warme Milch. Zwei Benuron. Das war kein Rezept. Das war ein Abkommen mit dem Körper. Ich behandle Dich schlecht, aber ich meine es gut.
Bei manchen Menschen macht man das auch so.
Der Kellner – kein Name, kein Lächeln, kein Bedarf nach beidem – stellte die gefüllten Feiglinge ab, als wäre das immer so gewesen. A.H. aß einen. Sagte nichts. Das war Lob genug. A.U. sah ihr dabei zu. Kurz. Dann weg.
Am Nachbartisch saß ein Mann allein. Mittfünfzig, Sakko eine Größe zu groß, aber aus gutem Stoff. Er trank Rotwein und las. Ein Buch. A.U. beobachtete ihn eine Sekunde. Männer waren einfacher. Das war das Problem.
„Und was ist jetzt mit dem Reutlinger?“, fragte A.U.
A.H. schwieg einen Moment. Die Art Schweigen, die keine Antwort ist, sondern eine Bilanz.
„Er gibt sich Mühe.“
„Das klingt nicht gut.“
„Er ist ein total lieber Kerl.“ Sie nahm einen Schluck. „Aber er kann nicht lecken. Und er kommt aus Reutlingen.“
A.U. nickte langsam. Manche Sätze brauchten keinen Kommentar. Die standen für sich, wie Grabsteine – nicht falsch, nur endgültig.
„JJ hält ihn kurz?“
„JJ hält alles kurz, was ihr nicht nützt.“
Es wurde schon kompliziert.
Der Schenkelöffner kam. Espresso mit altem Pflaumengeist, ein Sahnehäubchen obendrauf, das sich für gar nichts entschuldigte. A.H. trank ihn halb leer, bevor er auf dem Tisch stand. A.U. ließ ihren stehen.
„Du trinkst nicht?“
„Doch“, sagte A.U. Trank. Stellte das Glas ab. „Ich hab nur kurz nachgedacht.“
„Worüber?“
„Nichts Wichtiges.“
A.H. grinste. Das alte Grinsen, aus dem Nichts, in den Locken verschwunden. A.U. dachte: verdammt. Wieder.
Draußen war es Nacht. Hier drin roch es nach Knoblauch, altem Rotwein und nach dem, was übrig bleibt, wenn man aufgehört hat, höflich zu sein.
Der Mann am Nebentisch bestellte nach. Ohne die Karte. Der Kellner nickte, als wäre die Bestellung längst bekannt.
søna hatte gute Arbeit geleistet. Die Klappse hatte sie – vereinnahmt, gefangen genommen, aufgesogen.