Die Klappse West ist kein Restaurant.
Na gut – es ist auch ein Restaurant. Die Feigen sind gefüllt. Der Schenkelöffner kommt ungefragt. Bülent steht an der Tür und entscheidet mit dem Gefühl, das meistens stimmt.
In der Klappse West bestellst du keine Speise – du nimmst dir Zeit. Du trinkst keinen Wein – du redest über ihn, über dich, über die Welt. Und wenn der Abend lang wird, dann liegt das nicht an der Karte. Dann liegt das an der Gesellschaft.
Aber das ist die Oberfläche.
Einen Ort kann man schließen. Einen Zustand nicht. Ein Bewusstsein auch nicht – das wandert mit, setzt sich an andere Tische, in andere Städte, taucht auf, wenn zwei Menschen reden, die nicht mehr höflich sein müssen.
Darunter ist die Klappse West ein Bewusstsein. Die Bereitschaft, länger zu sitzen als geplant, ehrlicher zu reden als klug, und am Ende nicht sicher zu sein, ob man gegessen oder gedacht hat – oder beides, ohne den Unterschied zu bemerken.
Dieses Bewusstsein braucht keine Adresse. Es braucht das richtige Licht, den richtigen Tisch, die richtige Person gegenüber. Manchmal findet es sich in Stuttgart. Manchmal anderswo. Manchmal nur für eine Stunde, manchmal bis das Licht ausgeht.
Bülent entscheidet, wer reinkommt. Nicht nach Liste. Nicht nach Reservierung. Nach Gefühl – und das Gefühl ist meistens richtig. Hunde nicht. Veganer nicht. Menschen, die Sonderwünsche haben, weil sie Angst vor dem Leben haben – auch nicht. Die Tür ist schmal. Das ist Absicht.
Drinnen wackeln die Tische manchmal. Das ist auch Absicht.
Es gibt keine Getränkekarte. Du bekommst, was passt. Wer das nicht versteht, sitzt woanders.
Die Feigen sind gefüllt. Der Thunfisch kommt mit Sahne und Überzeugung. Das Chateaubriand heißt hier Schickidim für Zwei – weil ehrliche Namen ehrlichere Gespräche erzeugen. Und weil niemand, der Chateaubriand sagt, wirklich Hunger hat. Er hat nur Angst, für jemanden gehalten zu werden, der keinen Hunger hat.
Das Licht ist dunkel genug, um ehrlich zu sein.
Karl Kraus wäre hereingekommen. Peter Altenberg hätte auf Kredit gegessen und wäre trotzdem der interessanteste Gast des Abends gewesen. Das Klappse West hat diesen Geist nicht kopiert. Es hat ihn geerbt – von niemandem im Besonderen, von allen gleichzeitig, die je an einem Tisch saßen und redeten, bis das Licht ausging.
Hier entstehen Geschichten.
Manche werden nur erzählt – an diesem Tisch, in dieser Nacht, für diese eine Person. Dann sind sie weg. Aufgelöst im Knoblauch und altem Rotwein, zusammen mit dem Abend, der sie hervorgebracht hat. Das ist in Ordnung. Nicht jede Geschichte braucht ein Publikum.
Manche werden vergessen. Auch das ist in Ordnung. Vergessen ist manchmal das Anständigste, was man mit einer Geschichte machen kann.
Und manche – die guten, die schiefen, die zu langen, die zu ehrlichen – die landen auf lunatics.de. Für alle, die davon wissen. Kein Newsletter. Keine Ankündigung. Wer es findet, findet es.
Literaten kommen her. Freigeister. Kunstschaffende. Menschen, die einfach mal wieder geil essen wollen.
Keine Veganer. Keine Idioten.
Das reicht.
Sie saßen in der Klappse West.
søna hatte den Ort empfohlen und den Türsteher bestochen.
So fängt eine Geschichte an.