Klappse West
nach Bukowski
lunatics, 2026
søna hatte den Türsteher geschmiert. So läuft das. Du kennst jemanden. Der jemanden kennt. Der aufmacht, wenn er eigentlich nicht aufmachen sollte.
Bülent machte die Augen zu. Für Geld tut man das. Manchmal für weniger. Für søna sowieso.
A.H. saß ihr gegenüber und das Licht fiel so, wie Licht fällt, wenn es weiß dass es gleich etwas anrichten wird.
A.U. sah das Licht. Sah, was es mit A.H. machte. Ließ den Gedanken kurz stehen. Dann laufen.
Manche Gedanken lässt man besser laufen.
Das Grinsen brach aus ihr heraus – aus dem Nichts, verschwand wieder irgendwo in den dunklen Locken.
verdammt, dachte A.U.
Nicht laut. Einfach so.
„Du solltest dich weniger mit JJ rumtreiben.“ A.H. sagte das ohne Einleitung. „Die bringt dich auf schräge Gedanken.“
„Du meinst wegen dem Reutlinger.“
Kein Fragezeichen. A.H. ließ es liegen wie ein leeres Glas.
„Wie speichert man seinen Typen als ›Stecher‹ ab?“
A.U. lachte. Hell und kurz. Das Lachen von jemandem, dem das Leben noch nicht alle Ironie rausgeprügelt hat.
A.H. sah sie dabei an. Direkt. So wie man jemanden ansieht wenn man weiß dass man es darf.
A.U. merkte es. Sagte nichts.
„Ich finde JJ gut. JJ ist cool.“
A.H. griff sich an die Stirn.
„Cool.“ Pause. „Sie ist Gerichtsmedizinerin. Sie sitzt auf Leichen.“
„Sie löst damit jeden Fall.“
„Mit nackter Pussy.“
„Mit nackter Pussy“, sagte A.U.
Kein Zucken. Kein Lächeln. Nur die Tatsache, die keinen Kommentar brauchte und keinen bekam.
„Hast du ihr Rezept probiert?“
A.U. grinste.
Doppelter Whiskey. Warme Milch. Zwei Benuron.
Kein Rezept. Ein Abkommen. Ich behandle dich schlecht, aber ich meine es gut.
Bei manchen Menschen macht man das auch so.
Der Kellner kam. Kein Name. Kein Lächeln. Kein Bedarf nach beidem.
Er stellte die gefüllten Feiglinge ab als wäre er schon immer hier gewesen und würde es immer sein und als wäre alles andere Zeitverschwendung.
A.H. aß einen. Sagte nichts.
Das war Lob genug in einem Ort, der Lob nicht brauchte.
Am Nebentisch ein Mann. Mittfünfzig. Sakko eine Nummer zu groß, aber aus gutem Stoff. Rotwein. Buch. Keine Erklärungen.
A.U. beobachtete ihn eine Sekunde lang.
Männer waren einfacher. Das war das verdammte Problem.
„Was ist mit dem Reutlinger?“
A.H. schwieg. Nicht verlegen. Nicht ausweichend. Nur – Bilanz ziehend.
„Er gibt sich Mühe.“
„Das klingt schlecht.“
„Er ist ein lieber Kerl.“ Ein Schluck. „Aber er kann nicht lecken. Und er kommt aus Reutlingen.“
A.U. nickte langsam.
Manche Sätze brauchen keinen Kommentar. Die stehen da wie Grabsteine – nicht falsch. Nur endgültig.
„JJ hält ihn kurz?“
„JJ hält alles kurz, was ihr nicht nützt.“
Pause.
Es wurde schon kompliziert.
Der Schenkelöffner kam.
Espresso. Alter Pflaumengeist. Sahne, die sich für gar nichts entschuldigte.
A.H. trank ihn halb leer bevor er auf dem Tisch stand.
A.U. ließ ihren stehen.
„Du trinkst nicht?“
„Doch.“
Trank. Stellte ab.
„Ich hab kurz nachgedacht.“
„Worüber?“
„Nichts Wichtiges.“
A.H. grinste. Das Grinsen. Aus dem Nichts. In den Locken weg.
verdammt, dachte A.U.
Schon wieder.
Draußen Nacht.
Hier drin Knoblauch, alter Rotwein, und der Geruch von dem, was übrig bleibt wenn man aufgehört hat höflich zu sein.
Der Mann am Nebentisch bestellte nach. Ohne Karte. Der Kellner nickte, als wäre die Bestellung schon vor Jahren aufgegeben worden.
An der Wand Karl Kraus. Peter Altenberg. Sie sahen zu.
Kraus hätte etwas gesagt. Altenberg hätte sich verliebt.
Beide wären rausgeflogen.
Draußen warteten Hunde, Veganer, Vegetarier, Idioten.
Das Schild sagte es klar. Keine Ausnahmen. Keine Diskussion. Wer fragt, ob er auf der Liste steht – steht auf der Liste.
Hier drin waren nur die anderen.
Die, die wissen, dass ein Abend nicht gut wird, weil nichts schiefgeht –
sondern weil man irgendwann aufhört, auf die Uhr zu sehen, und anfängt zuzuhören, was zwischen den Sätzen passiert.
søna hatte gute Arbeit geleistet.
Die Klappse hatte sie – vereinnahmt, gefangen genommen, aufgesogen.
So läuft das.
Immer.
