Ausstellungen

pictures & traces

Die Bilder in der Klappse West wechseln regelmäßig.

Nicht, weil irgendein Kurator in schwarzem Rollkragen das so beschlossen hätte. Sondern weil dieser dämliche Fotograf über Jahre hinweg einfach nicht aufgehört hat zu arbeiten. Andere Menschen schlafen nachts oder gründen Familien. Der hier fotografiert nachts irgendwelche Lichtreflexe auf Betonwänden und freut sich dabei wie ein Achtjähriger mit Hirnschaden.

Irgendwas stimmt mit dem Mann wahrscheinlich nicht ganz.
Wahrscheinlich hat er keine Hobbys.
Oder Schlafstörungen.
Vermutlich beides.

Deshalb passt die komplette Serie gar nicht in die Klappse. Nicht mal ansatzweise. Zu viele Bilder. Zu viele Jahre. Zu viele Pflanzen, Städte, Industriegebiete, rostige Türen, Neonlichter und Dinge, an denen normale Menschen vorbeigehen, ohne auch nur langsamer zu werden.

Also rotiert die Ausstellung.

Mal hängt Stuttgart @ Midnight dort. Mal irgendwelche botanischen Eskalationen aus dem Schwarzwald. Mal Beton, Glas und Licht aus Stuttgart. Mal Bilder, bei denen man nicht genau weiß, ob das Kunst ist oder ein technischer Defekt.

Bülent ist das egal.

Was Bülent nicht egal ist: Gucker.

Die Kategorie steht direkt am Eingang auf dem Schild:
Keine Hunde. Keine Veganer. Keine Idioten.

Mit „Idioten“ sind vor allem Menschen gemeint, die reinkommen wollen, um kulturell auszusehen. Leute, die vor einem Bild stehen, langsam nicken und „spannend“ sagen, obwohl ihr Gesicht dabei aussieht wie eine Steuererklärung.

Die lässt Bülent gar nicht erst rein.

„Museum isch woanders“, sagt er dann und zeigt ins Nichts.

Die Bilder hängen hier nicht als Dekoration für Menschen, die sich selbst gern beim Kunstverstehen beobachten. Sie hängen hier, weil sie zur Klappse gehören. Zwischen Küchendunst, Gesprächen, schiefen Abenden und Leuten, die irgendwann vergessen, warum sie ursprünglich überhaupt gekommen sind.

Online ist fast alles zu sehen.

Aber eben nur fast.

Ein paar Arbeiten tauchen ausschließlich in der Klappse auf. Für Stammgäste. Für Menschen, die sitzen bleiben können. Für Leute, die verstehen, dass manche Bilder besser wirken, wenn irgendwo im Hintergrund Knoblauch angebraten wird und am Nebentisch zwei Menschen über Politik diskutieren, als hinge ihre Ehe davon ab.

Stuttgart @ Midnight

Die Bilder waren nie wirklich öffentlich.

Sie hingen eine Zeit lang in der Klappse West. Zwischen zu langen Nächten, zuviel Genuss und Leuten, die noch wussten, wie man Gespräche führt, ohne dabei ständig auf ein Telefon zu schauen.

Wer sie gesehen hat, war meistens zufällig da. Stammgäste. Freunde. Verirrte Existenzen. Menschen mit Restalkohol, Haltungsschäden oder beidem. Kein großes Opening. Kein Pressegeschrei. Keine Häppchen mit Kresse.

Nur diese Stadt.

Stuttgart um Punkt Mitternacht.

Leer gefegte Straßen. Kaltes Licht auf Beton. Der Fernsehturm wie eine Antenne für schlechte Gedanken. Das Mercedes-Benz Museum glänzend wie ein Raumschiff, das längst beschlossen hat, ohne uns weiterzufliegen. Die Stadtbibliothek still wie eine Irrenanstalt für Bücher.

Die Serie hing dort unten im Halbdunkel der Klappse, als würde sie dorthin gehören.

Tat sie wahrscheinlich auch.

Später zog Stuttgart @ Midnight weiter. Raus aus der Klappse. Hoch über die Dächer der Stadt. Therapy meets Charity. Menschen in Sakkos. Sportler. Gespräche über Herzstillstände, Druck und das Leben nach dem Zusammenbruch. Und mitten drin diese Mitternachtsbilder aus Stuttgart, die plötzlich etwas anderes wurden als bloße Fotografien.

Nicht übel für Bilder, die ursprünglich nur für die üblichen Bekloppten der Klappse gedacht waren.


Lesungen

In der Klappse West wird auch gelesen.

Nicht ständig. Aber regelmäßig genug, damit Bülent inzwischen schlechte Laune bekommt, sobald irgendwo ein Mikrofon aufgebaut wird.

Lesungen sind meistens unerträglich. Menschen trinken Weißwein, sagen „Textarbeit“ und lesen Geschichten vor, bei denen man nach acht Minuten hofft, endlich vom Bus erfasst zu werden.

So etwas gibt es hier nicht.

Wenn in der Klappse gelesen wird, dann richtig.

Zuletzt: als Adam Eva traf.
Eine Stuttgart-Geschichte. Natürlich nachts. Natürlich mit Menschen, die es besser könnten, es aber nicht tun. Und natürlich geht es nebenbei um nichts Geringeres als die Rettung der Welt. Als ob das nicht eigentlich schon der Job der Klappse West wäre.

Geschrieben wurde die Geschichte von søna.

søna steht nie vorne. Sie lässt lesen. Die Frau weiß, wer sie ist. Der Rest nicht. Und das soll auch so bleiben. Manchmal sitzt sie irgendwo im Publikum. Vielleicht am Rand. Vielleicht direkt neben dir. Vielleicht war sie längst da und wieder weg, bevor du überhaupt verstanden hast, worum es in der Geschichte ging.

Das passt ganz gut zur Klappse.

Hier müssen nicht ständig Menschen auf Bühnen stehen und sich selbst erklären. Dafür gibt es Podcasts und LinkedIn.

In der Klappse sitzen Leute an kleinen Tischen, essen irgendwas mit Fett und lecker. Und hören Geschichten über Frauen, Macht, Erinnerung, Sehnsucht und diese merkwürdigen Momente, in denen ein ganzes Leben plötzlich eine andere Richtung nimmt.

Manche Gäste verstehen sofort, worum es geht.


Charity

Therapy meets Charity

Die Klappse West zieht manchmal um.

Nicht oft.
Aber wenn es einen guten Grund gibt, verlässt sie ihre eigenen vier kaputten Wände und taucht woanders wieder auf. Für einen Abend. Für ein paar Stunden. Wie eine schlechte Entscheidung mit guten Absichten.

2018 landete sie im sechsten Stock über der Paulinenbrücke. Im Caleido. Glas, Beton, Aufzüge, Menschen mit sehr weißen Sneakern und erstaunlich ehrlichen Gesprächen. Die Aussicht über Stuttgart war klar. Die Stadt lag unten wie ein übermüdeter Organismus aus Licht.

Zum ersten Mal wurde Stuttgart @ Midnight als geschlossener Zyklus gezeigt. Dreizehn Bilder. Dreizehn Mitternächte. Keine Menschen. Keine Pose. Keine Hektik. Nur Stuttgart um 00:00 Uhr. Leer. Wach. Schön genug, um weh zu tun.

Irgendwann zwischen Gin, Gesprächen über Herzstillstände, Fußball, Angst, Druck und diesem merkwürdigen Moment, wenn erfolgreiche Menschen plötzlich ehrlich werden, begann die Versteigerung.

Am Ende gingen über 25.000 Euro an Frauen helfen helfen e.V.

Nicht schlecht für eine kleine Klappse aus dem Westen.

Die Stuttgarter Zeitung schrieb später über einen „Resonanzraum“.
Wir hätten es wahrscheinlich einfach einen guten Abend genannt.