Alles war so wie es schon immer gewesen war.
Marie saß in ihrem Bett.
Das allein sagte eigentlich schon alles.
Ihre Freundinnen hatten alle welche. Männer. Beziehungen. Geschichten, die angeblich funktionierten. Eine hatte sogar zwei gleichzeitig — zumindest wenn man dem glaubte, was nachts auf irgendwelchen Küchenpartys erzählt wurde, nachdem die zweite Flasche Wein leer war und plötzlich jede die einzige Frau war, die wirklich wusste, wie Liebe funktioniert.
Marie hatte auch welche gehabt.
Natürlich.
Sie hatte sie ausprobiert, behalten, wieder weggeworfen. Manche waren hübsch gewesen. Andere interessant. Einer konnte hervorragend kochen und hatte beim Sex geklungen wie ein Asthmatiker auf einem Hometrainer.
Nichts davon hatte gereicht.
Zur Zeit gab es den Krankengymnasten.
Den hatte sie kennengelernt, als er auf einer Party über ihre Stiefel gekotzt hatte. Eine von diesen Nächten, die schon scheiße anfingen und dann mit voller Konsequenz dabei blieben. Zwei Tage später hatte sie Rückenschmerzen gehabt. Gelbe Seiten. Augen zu. Irgendeinen angerufen.
Den Dreizehnten.
Und das war er gewesen.
Na wunderbar, dachte Marie.
Sie beschloss auszugehen.
Was ungefähr dieselbe Qualität von Entscheidung hatte wie „noch einen trinken“, obwohl einem schon vom ersten schlecht gewesen war.
Kurze Zeit später saß sie in einer Diskothek und blickte auf eine Menschenmenge, die aussah, als hätte sie ebenfalls keinen besseren Ort gefunden, um langsam zu verblassen.
Alles daran war mittelmäßig.
Die Musik.
Die Gespräche.
Die Männer.
Die Drinks.
Sogar die schlechte Stimmung hatte sich keine Mühe gegeben.
Marie saß einfach da und fühlte — nichts.
Nicht traurig.
Nicht glücklich.
Nicht einmal richtig gelangweilt.
Nur leer.
Wie ein Fernseher nachts um halb vier.
Irgendwann stand sie auf.
Nicht aus einem bestimmten Grund. Eher aus derselben inneren Bewegung heraus, mit der man eine Kneipe verlässt, in der man längst zu viel Zeit verschwendet hat.
Auf dem Weg zum Ausgang blieb sie kurz stehen und schaute noch einmal durch den Laden.
Mein Gott, dachte sie.
Was sind das bloß für Leute.
Und dann sah sie ihn.
Er stand einfach da.
Ein junger Mann mit genau demselben Gesichtsausdruck, den sie vermutlich selbst gerade hatte. Dieses stille, unübersehbare Ich gehöre hier eigentlich nicht hin.
Das amüsierte sie sofort.
Fast zärtlich.
Er wirkte nicht cool. Nicht geschniegelt. Nicht wie einer dieser Typen, die den ganzen Abend damit verbrachten, so zu tun, als wäre Gleichgültigkeit eine Persönlichkeit.
Er sah eher aus wie jemand, der zu lange nachgedacht und zu wenig geschlafen hatte.
Marie richtete sich ein wenig auf und betrachtete ihn genauer. Nicht offensiv. Eher so, wie man ein Buch in die Hand nimmt, von dem man noch nicht weiß, ob es einen interessieren oder ruinieren wird.
Er bemerkte ihren Blick.
Natürlich bemerkte er ihn.
Er drehte sich um und sah sie an.
Nicht kurz.
Nicht dieses übliche höfliche Wegsehen nach zwei Sekunden.
Er blieb einfach hängen. Mitten in ihrem Gesicht. Als hätte der Rest des Ladens plötzlich aufgehört zu existieren.
Marie fühlte sich unwohl.
Und geschmeichelt.
Die beschissenste Kombination überhaupt.
Wenn er doch endlich mal was sagen würde, dachte sie. Mein Gott ist der schüchtern.
Sie musste lächeln.
Beinahe süß.
„Hi“, sagte er schließlich.
„Hi“, sagte Marie zurück.
Er nickte nervös.
„Hi.“
Jetzt grinste sie.
„Aber das hatten wir doch gerade schon.“
Er wurde rot.
Tatsächlich rot. Nicht dieses künstliche Schauspielrot, das Männer manchmal aufsetzen, wenn sie glauben, Frauen würden Schüchternheit süß finden. Nein. Richtig rot.
Marie mochte das sofort.
„Hi“, sagte er nochmal.
Sie lachte leise.
Ach du Scheiße, dachte sie. Der kann ja wirklich gar nichts.
„Wenigstens vorstellen könntest du dich.“
Er schluckte.
Dieses Schlucken. Dieses vollkommen ehrliche kleine Geräusch, das kein Mensch kontrollieren kann, egal wie cool er gern wäre.
Dann sagte er seinen Namen.
Und in genau diesem Moment wusste Marie, dass sie ihn mit nach Hause nehmen würde.
Vielleicht nur für diese Nacht.
Vielleicht länger, als sie gerade bereit war zuzugeben.
Hinten spielte irgendein DJ einen vollkommen beschissenen Remix von Depeche Mode.
Marie hörte ihn kaum noch.
Das Merkwürdige an solchen Momenten war nicht, dass sie passierten.
Sondern dass man sie sofort erkannte.
Noch bevor irgendetwas begonnen hatte.
