Eine Nachtgeschichte über Flucht, Sehnsucht und das schöne Theater des Lebens.
robsøn

Die Sternschnuppe durchbrach lautlos das Blau-Schwarz der Nacht. Nicht wirklich störend. Eher wunderschön. Ihr glänzender Schweif zog tausend kleine Funken hinter sich her, bevor der Körper selbst in noch mehr Stücke zerbarst und irgendwo über dem Meer zum Nichts verglühte.
Das Rauschen der Brandung legte sich tief und warm über die Nacht. Dieses monotone Brechen der Wellen gegen die Felsen hatte etwas Beruhigendes.
Er lag auf der kleinen Mauer oberhalb der Straße, den Kopf gegen einen Vorsprung gelehnt, und starrte hinauf in die Palme, die sich schwarz und majestätisch gegen den Sternenhimmel abhob.
Die Mauer war hart. Eigentlich unbequem. Trotzdem fühlte sich genau dieser Ort plötzlich vollkommen richtig an.
Ein breites Grinsen. Zufriedenheit, gepaart mit einem leichten Anflug von Selbstverliebtheit. Der Mann auf der Mauer war erfolgreich auf der Flucht vor sich selbst – und das gefiel ihm.
„Drachen fressen Prinzen auf“, dachte er.
Er widersprach nicht.
Seine Gedanken kreisten angenehm ziellos durch das Nichts. Alltag. Verpflichtungen. Gespräche. Erwartungen. Alles irgendwo zurückgelassen zwischen Stuttgart und der italienischen Küste.
Man nahm sich zuverlässig überall mit hin. Aber manchmal reichte es, den Koffer woanders auszupacken.
Aber spielten nicht letztlich alle irgendwo Theater? Wer konnte schon sauber unterscheiden zwischen Rolle und Wirklichkeit. Dazu müsste man den anderen wirklich kennen – nicht nur die freundlichen Oberflächen, sondern auch die peinlichen und die verletzlichen Seiten. Und selbst dann gab es keine Garantien.
Keine neue Erkenntnis. Aber eine, die sich erstaunlich zuverlässig wiederholte.
Sein Blick wanderte zur Brandung, die nur wenige Meter entfernt gegen die dunklen Steine schlug. Er seufzte – und erschrak fast, wie vertraut sich das anfühlte.
Schon allein hierfür hatte sich die Fahrt gelohnt.
War er glücklich?
Nein.
Aber die Flucht funktionierte. Vorläufig.
„Das Dumme an der Zeit ist“, dachte er, „dass man sie nicht aufsparen kann, um sie zu nutzen, wenn es einem besser in den Kram passt.“
Zeit war das Kostbarste, das er besaß. Und er war erstaunlich verschwenderisch damit umgegangen.
Vor der eigenen Geschichte konnte man nur begrenzt fliehen. Er wusste das. Hatte es oft genug versucht. Neue Orte. Neue Kapitel. Neue Menschen. Und jedes Mal dieselbe stille Hoffnung, sich unterwegs irgendwo selbst zu verlieren.
Vergeblich.
Man nahm sich zuverlässig überall mit hin.
Er grinste in die Nacht hinaus.
Ach, war das eine schöne Form des Selbstbetruges.
Dann war sie plötzlich da.
Gekommen aus der Dunkelheit, mit diesem leisen, feinen Lächeln auf ihren Lippen.
„Ich wollte nur noch einmal kurz Gute Nacht sagen“, sagte sie leise.
Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht. Fast wirkte sie wie bestellt. Was er ihr später natürlich nie sagen würde.
Mit einem Schlag holte ihn die Realität zurück.
In seinem Theaterstück kam sie an dieser Stelle eigentlich gar nicht vor. Und doch fügte sie sich glänzend ein. Nur waren es jetzt nicht länger seine Regeln. Nicht länger seine Regie.
Das Leben hatte beschlossen, sich einzumischen.
Wie so oft schrieb es die besseren Geschichten.
Sie gingen ein paar Schritte, ließen sich am Pool nieder.
Dort hing er wieder: der Große Wagen. Sein alter Weggefährte. Immer da, wenn er ihn nicht brauchte.
Fett, träge und regungslos.
„Scheiß-Ding“, dachte er.
Neben ihm saß eine Frau, die genau wusste, wie schlecht er spielte – und ihn einfach machen ließ. Sie gab ihm das Gefühl, dass es vollkommen in Ordnung war.
Das war selten geworden. Vielleicht sogar kostbar.
Ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Sie war einfach nur da und teilte diesen Moment mit ihm.
Sie sprachen nicht.
Und genau deshalb fühlte es sich echt an.
Ihre Nähe tat gut. Gedanklich ließ er noch einmal die Sternschnuppe über dem Meer verglühen.
Der ewige Kampf mit dem Leben schien für einen Augenblick stillzustehen. Die Waffen ruhten.
Ein Kampf mit sich selbst war ohnehin nicht zu gewinnen. Wusste er – und hatte trotzdem jahrelang darauf bestanden, ihn zu führen.
Manchmal fragte er sich nur noch, ob andere genauso verloren waren wie er – oder ob sie einfach besser darin waren, es zu verstecken.
Er tippte auf Letzteres.
„So“, dachte er irgendwann, „das war die eine Wahrheit. Jetzt kommt die andere.“
Eigentlich hatte er unten auf dieser kleinen Mauer gelegen und gehofft, dass sie ihn bemerken würde.
So simpel war das.
Die Zigarre. Die Pose. Der Blick in die Sterne. Theater für sich, die Welt und manchen unsichtbaren Zuschauer.
Der Weg hierher war klar gewesen. Der Sinn deutlich weniger. Warum war er wirklich gekommen? Er wusste es selbst nicht genau. Vielleicht stellte er ohnehin viel zu vieles in Frage. Ein Vorwurf, den er nicht zum ersten Mal gehört hatte.
Mit geübter Theatralik hatte er versucht, auf dieser schmalen Mauer Balance zu halten. In der stillen Hoffnung, abgeholt zu werden.
Und sie war tatsächlich gekommen.
Nicht ausgesprochen. Aber doch erhört.
„Von Zeit zu Zeit“, dachte er, „kommt Gott auf die Erde herunter, schaut sich dieses kleine Mäuerchen an, grinst zufrieden in sich hinein, zupft sich am Bart und weiß, dass manche Dinge noch in Ordnung sind.“
Er mochte diesen Gedanken.
Dann dachte er an die andere Geschichte.
An die Prinzessin hoch oben im Turm. An den Prinzen. An den Drachen.
Er hatte geglaubt, kämpfen zu müssen. Eine Lanze brechen. Ein Herz gewinnen. Irgendetwas beweisen, das niemand verlangt hatte.
Hoch gepokert. Hoch verloren.
Der Drache hatte den Prinzen gefressen. Mit einem Mikado-Stab anstelle einer Lanze hatte man eben schlechte Chancen – und eigentlich hatte er das die ganze Zeit gewusst.
„Drachen fressen Prinzen auf.“
Er hatte es sich selbst gesagt. Ganz am Anfang, dort auf der Mauer. Also saß er nun hier, an diesem Pool in Arma di Taggia, neben dieser Frau, unter diesem unnützen Großen Wagen.
Zugegeben: Es fehlten die freundlich winkenden Italienerinnen am Straßenrand. Aber darüber sah er großzügig hinweg. Perfekt war übertrieben. Aber es war verdammt nah dran.
Deshalb war er hierher gefahren.
Nicht nur wegen des Meeres. Nicht nur wegen der Ruhe. Sondern um für kurze Zeit jemand anderes sein zu dürfen. Oder vielleicht endlich ein bisschen mehr er selbst.
