Mir zog wieder dieser Geruch in die Nase. Desinfektionsmittel. Menschen. Krankheit. Und irgendetwas, das Arztpraxen grundsätzlich an sich haben — so eine Mischung aus Hoffnung, Angst und abgestandenem Kaffee, die sich über die Jahre in die Wände gefressen hat und dort bleibt, egal wie oft jemand wischt.
Kurzum: Es roch nach Arztpraxis. Es sah auch aus wie eine. Und es war eine.
Ich war bei Christof.
Christof war seit Jahren mein Arzt. Und seit noch mehr Jahren mein Freund — wobei „Freund“ bei ihm ein dehnbarer Begriff war. Wenn andere Ärzte Dich fragen, wie es Dir geht, schaut Christof auf Deine Blutwerte und sagt Dinge wie: „Interessant. Das hätte auch tödlich enden können.“ Dann grinst er nicht mal. Furztrocken. Ich glaube bis heute, der steht manchmal morgens vorm Spiegel und übt das.
An Christofs Empfang saß allerdings nicht Christof.
An Christofs Empfang saß sie.
Klein. Blond. Frech. Und vermutlich mit einem Vertrag direkt aus der Hölle.
Sie sah hoch, sah mich an — nicht freundlich, nicht unfreundlich, eher so, als hätte sie mich bereits durchschaut, bevor ich überhaupt die Tür hinter mir geschlossen hatte.
„Weswegen Sie hier sind, habe ich Sie gefragt.“
Ich antwortete nicht. Jedenfalls nicht sofort. Stattdessen musterte ich sie: schulterlanges Haar, lockig, nach hinten gesteckt, und eine einzelne Strähne, die ihr über die Stirn fiel — Absicht oder Zufall, ich wusste es nicht, aber sie funktionierte, und das war vermutlich die einzige Antwort, die zählte.
„Hallo…“
Sie schnippte mit den Fingern.
„Ich rede mit Ihnen.“
Ich fühlte mich ertappt. Schon wieder.
„Ich…?“
„Nein. Der Mann hinter Ihnen.“ Kurze Pause. „Natürlich Sie.“
Sie lehnte sich leicht nach vorne. „Ich frage jetzt zum dritten Mal, weshalb Sie hier sind.“ Dann grinste sie — frech, fast schon boshaft. „Obwohl… vielleicht haben Sie ja was an den Ohren.“
„Nein… also… an den Ohren hab ich nichts.“
„Na wunderbar.“ Sie nahm ihren Kugelschreiber. „Dann versuchen wir’s noch mal.“
Ich spürte, wie mir der Hals trocken wurde. Dabei wusste ich genau, weshalb ich hier war. Nur sagen wollte ich es nicht, nicht hier, nicht zwischen hustenden Rentnern, Gesundheitsmagazinen von 1994 und zwei Omas, die sich offenbar gegenseitig ihre Krankengeschichten als Fortsetzungsroman vorlasen.
„Ich hätte gern… Sicherheit.“
Sie legte den Stift weg. Langsam. Ganz langsam.
„Sicherheit.“ Pause. „Wie meinen Sie das? Ein Airbag? Ein Bausparvertrag?“
Die alte Dame links von mir hörte plötzlich auf zu husten.
Scheiße.
„Also gut… ein Aidstest.“
Stille. Echte Stille — du kennst diese Art von Stille, wenn plötzlich sogar die Neonröhren lauter werden und man das Gefühl hat, der ganze Raum hält den Atem an, nur um ja nichts zu verpassen.
Die beiden Omas sahen mich an, als hätte ich gerade im Wartezimmer kleine Tiere geopfert. Ein Typ gegenüber — blondierte Haare, rosa Hemd, zu enge Hose — zwinkerte mir zu.
Na klasse.
Die Kleine musterte mich. Von oben bis unten. Dann grinste sie.
„Na. Haben wir’s mal wieder besonders nötig gehabt…“ Sie lehnte sich vor. „…oder hat der Schwanz das Denken übernommen?“
Ich spürte den Kloß im Hals und wusste einfach nicht, was ich darauf antworten sollte — eine schlagfertige Antwort wäre schön gewesen, hatte ich aber nicht, gar keine, null, nada, nichts.
Sie deutete auf eine Tür. „Wartezimmer.“ Dann grinste sie noch einmal. „Und hören Sie auf, mich anzustarren.“
Ich stand auf und versuchte cool auszusehen, was vermutlich ungefähr so überzeugend wirkte wie ein Vegetarier im Schlachthof, und während ich ins Wartezimmer lief, spürte ich ihre Augen in meinem Rücken — oder ich bildete mir das ein, was bei Frauen, nun ja, auch keine völlig neue Erfahrung war.
Ich setzte mich. Die Frau links neben mir stand sofort auf.
Auch gut.
Ich saß da und wartete, wartete und saß, und starrte auf den Boden — kleine bunte Quadrate, rot, blau, grau — und irgendwann fing ich an, sie zu zählen, nicht weil es spannend gewesen wäre, sondern weil mein Kopf sonst wieder bei ihr gelandet wäre, bei der Kleinen da draußen, bei ihrer Stimme, bei diesem selbstsicheren Grinsen, das mir einfach nicht aus dem Kopf wollte.
Ob sie ahnte, was für eine Wirkung sie auf mich hatte? Plötzlich fiel mir ein, was ich selbst einmal gesagt hatte — über zwei Dinge soll man sich nicht wundern: 1.) über Schmerzen, die man sich selbst zufügt, und 2.) über Frauen. Beides führt, abgesehen von Kopfschmerzen, zu nichts. Also versuchte ich, das Wundern bleiben zu lassen.
Er kam trotzdem wieder. Wie Frauen. Oder Steuerschulden. Beides verschwindet selten von allein.
Mit einem Ruck flog die Tür auf.
„Der Herr mit dem Aidstest — bitte zum Blutabnehmen!“
Natürlich laut. So laut, dass es auch der letzte Schwerhörige im Raum mitbekam, dass es auch die Omas mitbekamen, dass es auch der Typ mit dem rosa Hemd mitbekam, der mir prompt wieder zuzwinkerte.
Ich stand auf — so würdevoll, wie man eben aufsteht, wenn man sich am liebsten in Luft auflösen würde.
Sie ging voran, aus dem Wartezimmer raus, dann rechts um die Ecke, und ich folgte ihr und bemerkte ihre schönen Beine, die so unerwartet nackt unter dem Arztkittel hervorkamen. Was mir sofort auffiel: Sie trug flache, schlichte Schuhe — nicht so wie die meisten kleinen Frauen, die ihre fehlende Körpergröße durch hohe Absätze wettzumachen versuchen, als wäre ein paar Zentimeter mehr irgendeine Art von Argument. Sie hingegen trug flache Schuhe. Ihr Selbstbewusstsein war groß genug.
Sie öffnete die Tür zu einem kleinen, gekachelten Raum, vollgestopft mit allem möglichen Krimskrams — an den Wänden zahlreiche Regale mit zahlreichen Behältnissen für zahlreiches Zeugs, alle Variationen von Mull, Pflastern, Desinfektionsmittel, und was man sonst noch so braucht, wenn man Leuten Nadeln in den Arm sticht.
Sie schloss die Tür. Wies auf den kleinen Stuhl mit der Armlehne links in der Ecke.
„Setzen Sie sich.“
Und grinste.
Und mit dem gleichen Grinsen griff sie einen dünnen, weißlichen Gummischlauch, hielt ihn mit zwei Fingern und ließ ihn vor meiner Nase baumeln.
„Machen Sie bitte Ihren linken Arm frei.“
Ich krempelte meinen Ärmel hoch — und hatte ihn noch nicht ganz oben, als sie bereits den Schlauch anlegte und mit einem Ruck festzog.
Sie trat näher. Zu nah. Oder vielleicht genau richtig nah — ich wusste es nicht, ich wusste gerade ohnehin ziemlich wenig, außer dass sie gut roch, nicht nach Parfüm, nicht nach diesem billigen süßen Zeug, eher sauber, frisch, auf eine Art, die man besser nicht zu lange analysiert.
Gefährlich.
„Ich hoffe, es ist nicht zu fest.“
„Das werde ich überleben.“
„Mutig.“
Sie beugte sich vor, ein Stück zu weit oder genau weit genug, ich wusste es nicht, ihr Kittel öffnete sich einen Spalt — und mein Blick, nun ja, mein Blick war nie besonders diszipliniert gewesen, das war schon immer so, das war kein neues Problem.
„Interessant.“
„Was?“
„Vorhin noch sprachlos.“ Kurze Pause. „Und jetzt schon wieder am Starren.“
Erwischt. Schon wieder.
Sie nahm die Spritze — viel zu groß, definitiv viel zu groß — und setzte an. Ohne Vorwarnung. Zack.
„Au.“
„Oooch…“
Sie verzog das Gesicht — allerdings ungefähr so glaubwürdig wie Christof beim Smalltalk.
„Ader verfehlt. Das müssen wir wohl noch mal versuchen.“
Und in diesem Moment war ich mir zum ersten Mal nicht mehr sicher, ob ich hier eigentlich Patient war. Oder Beute.
Sie hielt meinen Arm fest. Warm. Überraschend warm. Ihre Finger waren schmal, sicher, kein Zittern, kein Suchen — die Ruhe von jemandem, der genau weiß, was er tut, und genau weiß, dass der andere das weiß.
Nur ich zitterte. Innerlich natürlich. Äußerlich versuchte ich noch immer, so auszusehen, als hätte ich mein Leben im Griff — was ungefähr so glaubwürdig war wie ein Priester im Puff.
Ich sagte nichts. Schlechter taktischer Zug. Denn Schweigen ist manchmal auch ein Geständnis.
Sie sah mich an — nicht flirtend, nicht freundlich, eher forschend, so wie man ein Tier beobachtet, das entweder gleich wegläuft oder näherkommt, und das sich selbst noch nicht entschieden hat.
„Also?“
Ich hob die Schultern. „Vielleicht denke ich einfach darüber nach, ob Sie Ihren Job wirklich können.“
Sie sah mich an. Zwei Sekunden. Drei. Dann lachte sie — nicht laut, dieses kurze, ehrliche Lachen, das man nicht planen kann und das genau deshalb gefährlicher ist als jedes Grinsen.
„Mutig.“ Sie trat näher. Langsam. „Oder dumm.“
Ich spürte ihren Atem.
„Das wurde bisher nie sauber getrennt.“
Jetzt grinste sie wirklich — und diesmal war es nicht mehr nur frech, diesmal war da etwas anderes, etwas, das mir plötzlich deutlich gefährlicher vorkam als jeder Test, den Christof je angeordnet hatte.
Sie strich mit dem Daumen über die Innenseite meines Ellenbogens. Einmal. Langsam. Viel zu langsam für Medizin.
„Sie sind nervös.“
„Nein.“
„Schon wieder gelogen.“
Dann sah sie auf meinen Puls. Oder tat zumindest so.
„Interessant.“
„Was?“
Sie sah auf. Direkt in meine Augen.
„Ihr Herz.“ Kurze Pause. „Das schlägt nicht wegen der Spritze so.“
Ich sagte nichts. Wieder. Langsam wurde das zur Gewohnheit. Oder zum Problem.
„Vorhin waren Sie ja ganz schön direkt, möchte ich sagen…“
Sie guckte mich an. „Hatte ich unrecht?“
„Ich weiß nicht. Aber es ist wohl kaum die Art, wie man mit seinen Patienten umgeht.“
„Also, wenn Sie jetzt von mir erwarten, dass ich sage, es täte mir leid, dann haben Sie sich getäuscht.“
„Das habe ich nicht erwartet. Aber gewundert hat es mich schon.“
„Gefällt es Ihnen nicht?!“ Sie grinste selbstsicher. „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie drauf stehen.“
„Tut das ‚was zur Sache?“
„Es kommt darauf an”, sagte sie — und zog langsam ihren Arztkittel hoch. Wohlwissend, welche Wirkung es auf mich hatte. Leicht amüsiert beobachtete sie, wie ich mit mir kämpfte und versuchte, nicht hinzusehen. Was ungefähr so gut funktionierte wie der Versuch, bei einem Autounfall wegzuschauen.
„Ich weiß es noch nicht“, sagte sie — und schaute mir auf die Hose, mit diesem Blick, der alles und nichts verriet.
Sie grinste. „Mmm — mhh.” Schüttelte den Kopf, zog sich den Kittel wieder herunter — und bevor ich auch nur einen Gedanken formulieren konnte, hatte sie bereits die Spritze wieder in der Hand.
„Angst?“
„Nein.“
„Lügner.“
Sie setzte an. Diesmal traf sie. Dunkelrotes Blut stieg langsam in die Spritze. Eichstrich um Eichstrich. Ihre Hand zog den Kolben gleichmäßig zurück — und sie beobachtete mich dabei. Nicht die Nadel. Nicht meinen Arm.
Mich.
„Na also.“ Sie nickte zufrieden. „Geht doch.“ Dann grinste sie. Dieses verdammte Grinsen. „Jetzt leiden Sie wenigstens mit Stil.“
„Ich denke, für so einen Schnelltest braucht man nur ein paar Tropfen Blut?“
„Das stimmt schon“, sagte sie. „Aber es macht mir irgendwie Spaß, Sie da sitzen zu sehen. Wie Sie auf die Spritze starren, während ich Ihnen das Blut aussauge.“
Jaja, dachte ich — und sagte: „Witzig. Echt witzig.“
Sie zog die Kanüle langsam aus meinem Arm. Langsamer, als nötig gewesen wäre. Ein kleiner Tupfer. Ein Stück Pflaster. Ihre Finger glitten noch einmal über meine Haut — kurz, beiläufig, fast.
Sie hielt die gefüllte Spritze gegen das Licht. Dunkelrot. Fast schwarz. Mein Blut. Meine Wahrheit. Mein Elend — alles hübsch abgefüllt in fünf Millilitern Plastik. Romantik sieht anders aus.
Sie machte die Tür auf.
„Übermorgen. Gleiche Zeit.“ Dann dieses Grinsen, noch einmal, das letzte. „Und versuchen Sie bis dahin… nichts Dummes.“
An der Tür blieb ich stehen. Drehte mich um.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
Sie lächelte — zum ersten Mal ohne Ironie. Fast.
„Wenn Ihr Test negativ ist… dürfen Sie mich fragen.“
Dann schloss sie die Tür. Direkt vor meiner Nase.
Ich stand auf dem Flur, Pflaster am Arm, Knoten im Bauch, und dem ziemlich sicheren Gefühl, dass mich an diesem Tag nicht der Aidstest aus der Bahn geworfen hatte — sondern etwas sehr viel Gefährlicheres. Eine blonde Frau in Weiß, mit schlechtem Benehmen und verdammt gutem Timing.
***
Zwei Tage später. Gleicher Ort. Gleicher Geruch — dasselbe Desinfektionsmittel, derselbe abgestandene Kaffee, dieselben Gesundheitsmagazine, die vermutlich schon damals alt waren, als Helmut Kohl noch Kanzler war und niemand ahnte, dass beides irgendwann enden würde.
Nur ich war anders.
Denn diesmal dachte ich nicht an den Test — nicht zuerst, nicht wirklich, ich dachte an sie, an dieses Grinsen, an ihre Finger auf meinem Arm, an diese verdammte Art, mich anzusehen, als wäre ich durchsichtig. Oder schlimmer: interessant.
Die Zeit kroch. Nicht Minuten — eher zäher Sirup, der sich durch die Stunde zieht und dabei sicherstellt, dass man an allem hängenbleibt, woran man nicht hängenbleiben will.
Irgendwann ging die Tür auf.
Sie stand da. Kleiner weißer Kittel, dieselbe Haltung, dieselbe Ruhe — und dieses Grinsen, das mir sagte, dass sie ganz genau wusste, wie oft ich in den letzten zwei Tagen an sie gedacht hatte. Deutlich öfter, als medizinisch notwendig gewesen wäre.
„Sie können rein zum Doktor.“
Mehr nicht. Kein Spiel. Kein Kommentar. Kein Blick zu viel — und genau das machte mich fast wahnsinnig.
Ich ging an ihr vorbei. Roch sie. Ganz kurz. Und hasste mich ein bisschen dafür.
Christof saß bereits hinter seinem Schreibtisch — wie immer geschniegelt auf diese Art, bei der man nie wusste, ob er gleich eine Diagnose stellte oder eine Lebensversicherung verkaufte. Er deutete auf den Stuhl, ich setzte mich, er schlug meine Akte auf, blätterte, sah hinein, sah mich an, dann wieder in die Akte, keine Regung, nicht die kleinste — und ich dachte: Wenn der Mann einen Atomkrieg überlebt hätte, er hätte vermutlich nur gefragt, ob irgendwo noch Kaffee sei.
Dann sah er auf.
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.“
Natürlich.
„Christof. Bitte. Nicht heute. Keine Spielchen.“
Er nickte — als hätte ich gerade einen medizinisch relevanten Wunsch geäußert. Dann legte er die Akte auf den Tisch und sah mich direkt an.
„Die gute Nachricht —“
Pause. Natürlich Pause. Arschloch.
„…Dein Aidstest ist negativ.“
Ich ließ die Luft raus. Erst da merkte ich, dass ich sie überhaupt angehalten hatte.
„Und die schlechte?“
Christof lehnte sich zurück, sah mich an, lange, viel zu lange, dann verzog sich ein Mundwinkel — ein Millimeter vielleicht, bei ihm war das schon fast Euphorie.
„Du siehst aus wie Scheiße.“ Pause. „Was treibst Du eigentlich?“
Ich sah ihn an. Dann das Fenster. Dann wieder ihn. Und plötzlich musste ich grinsen — langsam, fast gegen meinen Willen. Ich lehnte mich zurück, griff nach dem Glas Wasser auf seinem Tisch, schwenkte es leicht. Fast wie Whiskey.
„Das ist eine längere Geschichte.“
Kurze Pause.
„Sie fing an… an einem ganz normalen 3er-Tag.“
Und Christof — dieser trockene Hund — nickte nur. Als hätte er genau das erwartet.
