Es war eine Weile her.
Nicht Tage. Eher so ein diffuses Zeitgefühl, das entsteht, wenn man aufgehört hat, auf Kalender zu schauen, weil die Tage ohnehin alle gleich aussehen und sich alle gleich anfühlen und man sowieso nicht sicher ist, ob mehr Zeit besser oder schlechter ist.
Meistens ist es schlechter.
Und dann war da Marie. Die Frau mit den braunen Augen, die einen ansah, als ob sie genau wüsste, was man gerade dachte – und dabei meistens recht hatte. Was an sich schon beunruhigend ist. Noch beunruhigender ist es, wenn man trotzdem weitermacht.
Ich war durch die Nacht zu ihr gefahren. Wie in Trance. Beseelt von dem Wunsch, mit einem Gespräch alles erklären zu können.
Hauptsache, man spürt, dass man lebt.
Das war meine Theorie. Ich hatte sie noch nie ernsthaft überprüft. Aber sie klang gut.
***
Ich stand vor ihrer Haustür. Mitten in der Nacht. Bei einer Frau, die mich nicht erwartet hatte und auch nicht bestellt hatte.
Das ist eigentlich eine ganz normale Situation. Also für jemanden, dem es gut geht.
Starrte eine ganze Weile auf den Klingelknopf. Bescheuert eigentlich. Es gibt Situationen, in denen man genau weiß, was passieren wird, und trotzdem so tut, als müsste man die Sache erst noch gründlich durchdenken. Das hier gehörte eindeutig dazu.
Entweder war sie da oder sie war nicht da. Entweder würde sie aufmachen oder eben nicht. Große philosophische Fragen waren das nicht. Trotzdem stand ich da wie ein Trottel und führte innere Debatten, für die andere Menschen vermutlich einen Ausschuss gegründet hätten. Und einem Unterausschuss für die Frage, ob man überhaupt klingeln darf, wenn man betrunken ist und es nachts ist und man die Situation selbst herbeigeführt hat.
Irgendwann drückte ich auf die Klingel. Mutig.
Nichts.
Die Klingel hatte meine Kontaktaufnahme zur Kenntnis genommen und sich entschieden, neutral zu bleiben.
Ich wartete. Vielleicht war sie unter der Dusche. Vielleicht schlief sie. Vielleicht stand sie am Fenster und beobachtete einen Irren vor ihrer Haustür. Vielleicht war sie einfach nur klug genug, nachts keine Türen für verwirrte Männer zu öffnen. Auch eine Fähigkeit, die vielen das Leben deutlich erleichtert hätte.
Ich klingelte noch einmal. Diesmal etwas länger.
Wieder nichts.
Gerade als ich beschloss, die Sache als weiteren Beweis meiner fortschreitenden Verblödung zu verbuchen und zu gehen, knackte die Sprechanlage.
„Hallo?“
Marie.
Komisch eigentlich, wie viel eine Stimme auslösen kann. Nicht weil sie besonders weich gewesen wäre oder besonders sexy oder irgendeinen anderen Quatsch, den Männer sich später gerne zurechtfantasieren. Nein. Es war einfach ihre Stimme. Und ich war damals leider noch in dem Alter, in dem das vollkommen ausreichte.
„Hi – ich bin’s.“
„Was willst du?“
„Ich wollte mit dir reden. Und -“
„Du – im Augenblick passt mir das gar nicht.“
Mir gefiel die Richtung des Gesprächs nicht.
Überhaupt nicht.
„Mein Freund ist gerade da.“
Da war er.
Der Satz.
Diese wenigen Wörter, die vollkommen ausreichen, um einen eben noch ganz passablen Abend innerhalb von Sekunden gegen die Wand zu fahren.
„Aber wir können uns ja ein anderes Mal sehen.“
Sie schwieg kurz.
„Ich ruf Dich an.“
Dann war die Verbindung weg.
Ein leises Klicken. Mehr nicht.
Erstaunlich eigentlich, wie wenig Geräusch ein kleiner persönlicher Weltuntergang macht. Auch, wenn man sich vorher alles genau überlegt hatte.
***
Sie hatte einen Freund.
Natürlich hatte sie einen Freund.
Frauen wie Marie haben immer einen Freund. Und wenn nicht, steht irgendwo einer in Reserve herum und wartet auf seinen Einsatz. Und neben dem steht einer mit einem Schraubenzieher und dem unerschütterlichen Glauben, gebraucht zu werden.
Natürlich hatte sie einen Freund.
Wobei mich das damals tatsächlich überrascht hat. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich weil man sich die Welt immer so zurechtlegt, wie man sie gerade braucht. In meiner Version dieser Geschichte war Marie selbstverständlich allein. Nicht einsam. Das wäre etwas anderes gewesen. Einfach allein. Verfügbar. Als würde das Universum seine Figuren ausschließlich nach meinen Bedürfnissen besetzen. Tat es aber nicht.
Marie hatte einen Freund.
Und ich stand noch immer vor der Sprechanlage, obwohl das Gespräch längst vorbei war. Als könnte man eine schlechte Nachricht durch längeres Danebenstehen nachverhandeln. Als könnte man schlechte Nachrichten reklamieren.
Entschuldigen Sie, diese Enttäuschung entspricht nicht meiner Bestellung.
Funktioniert übrigens nicht.
Habe ich mehrfach getestet.
Freiburg roch nach Regen. Freiburg riecht oft nach Regen. Vielleicht deshalb verlieben sich hier so viele Menschen. Feuchtigkeit macht weich. Mich, Philosophiestudenten und sogar Beton.
Ich lief. Die Straßen entlang, irgendwohin, ohne Plan, was ja eigentlich mein Grundzustand war, nur dass es diesmal offensichtlicher war als sonst.
Die Welt drehte sich weiter. Unverschämtheit eigentlich. Man selbst steht mitten in einer persönlichen Tragödie, und drei Straßen weiter kauft sich jemand einen Döner.
Während ich dabei war, mein Liebesleben gedanklich gegen die Wand zu fahren, schob irgendwo ein Bäcker die ersten Brötchen in den Ofen. So ist das mit persönlichen Katastrophen. Sie interessieren außerhalb des eigenen Kopfes erstaunlich wenige Menschen.
Es war wieder einmal einer von diesen Tagen.
Ich muss eine ganze Weile gelaufen sein. An Häusern vorbei, die nachts immer ein bisschen schöner aussahen als tagsüber. An geparkten Autos. An Schaufenstern. An meinem gesunden Menschenverstand.
Der stand irgendwo herum und winkte mir noch hinterher.
Und dann stand ich wieder vor dieser Tür. Diesem Schild. Diesem Flur, der roch wie alle schlechten Entscheidungen meines Lebens zusammen – ein wenig Kälte, ein wenig Feuchtigkeit, und irgendwas Süßliches, das man besser nicht identifiziert.
Privat
Mein Unterbewusstsein hatte mich hierher geführt. Es tut das öfter. Eigenmächtig Entscheidungen treffen. Oft mit schlechten Ideen. Ich folge ihm trotzdem, weil die Alternativen – nüchtern nach Hause gehen, vernünftig schlafen, morgen ein ordentlicher Mensch sein – mich in dem Moment noch weniger überzeugten. Vernunft und ich hatten nie eine besonders stabile Beziehung geführt.
Ich war verloren. Nicht in diesem großen, romantischen Sinn, den Hollywood so gern verkauft. Sondern eher auf die Art, auf die man verloren ist, wenn man genau weiß, dass man gerade einen Fehler macht und trotzdem weitermacht.
Ich klopfte leise.
„Okay – sie ist nicht da“, sagte ich zu mir selbst, laut, als würde ein Publikum zuhören, und wollte gehen.
Und wartete.
Und klopfte noch einmal. Dieses Mal ein bisschen begierlicher.
Mit einem Ruck flog die Tür auf.
„Was ist denn nun schon wieder?!“
Dann sah sie mich. Kurze Pause. Nicht lang genug, um zu entscheiden, was diese Pause bedeutete.
„Du? Was willst du denn hier?“
„Ich würde gerne mit dir reden.“
„Wolltest du das nicht schon mal?“
„Ja.“
Ich sagte das langsam. Mit dem naiven Glauben, dass ein gut gesetztes Tempo Gewicht verleiht. Sie reagierte überhaupt nicht darauf. Als hätte ich auf einen Briefkasten eingesprochen.
„Willst du mich wieder vögeln – oder doch lieber einen auf Märchenstunde machen?“
Ich überlegte kurz, ob es eine dritte Option gab. Friedensverhandlungen vielleicht. Es gab keine.
„Ich möchte mich eigentlich nur mit dir unterhalten.“
„Und wenn ich mich nicht mit dir unterhalten möchte?“
„Dann hab ich wohl Pech gehabt.“
Ich drehte mich um. Auf dem Absatz. Wie jemand, der das wirklich ernst meint.
Nicht als psychologischer Trick. Sondern weil ich tatsächlich gehen wollte. Das Überraschende daran war vermutlich weniger mein Abgang als die Tatsache, dass ich ihn selbst glaubte.
Hinter mir blieb es einen Moment still.
Dann hörte ich ihre Stimme.
„Hey.“
Ich blieb stehen.
„Ist schon okay.“
Noch eine kleine Pause.
„Komm rein.“
***
Manche Orte wirken beim zweiten Besuch vertrauter. Derselbe Geruch. Dieselbe Luft. Dieselbe leicht schräge Wirklichkeit, die irgendwo zwischen Hinterhof, Wohnung und Filmkulisse lag.
„Du hast Glück“, sagte sie.
„Warum?“
„Weil ich gerade gute Laune habe.“
Ich musste lachen.
„Und wenn nicht?“
Jetzt musste sie lachen. Nur kurz.
„Dann wärst Du jetzt wieder auf dem Heimweg.“
Das klang nicht einmal unfreundlich. Eher wie eine nüchterne Feststellung. So als würde sie mir erklären, dass Wasser nass ist oder Freiburg im Sommer voller Studenten.
Sie hatte nicht viel an. Weißer Slip. Strapse. Korsage. Eine Strähne schwarzer Haare fiel ihr ungefragt ins Gesicht und blieb da.
Ungeschminkt war sie noch einmal eine andere Frau. Besser. Echter. Die Art von Gesicht, bei der man sich fragt, warum sie überhaupt Farbe draufmacht – und dann fällt einem ein, dass das nicht die Frage ist, die man stellen sollte.
Ich war binnen Sekunden wieder vollständig von ihr eingenommen. Gedanken schossen auf, verschwanden, kamen wieder. Nichts davon war besonders klug.
„Hör zu“, sagte sie. „Du kannst mit mir reden – aber ich muss mich schminken und dann gleich raus.“
Also schaute ich ihr zu.
Vor dem Spiegel begann die Verwandlung. Erdbeerroter Lippenstift. Rouge. Lidschatten in Schichten, Farben, die gezielt an Instinkte appellieren, die ein Mann am liebsten für zivilisiert hielt. Was es nicht war – und der Lippenstift auch nicht wollte.
Männer behaupten zwar gerne das Gegenteil, aber die meisten von uns erkennen ungefähr drei Kategorien: gar nicht geschminkt, geschminkt und hoffnungslos überfordert. Mehr ist da nicht.
Geschminkt sah sie wieder aus wie die Frau aus der Bar. Nicht dieselbe Frau. Aber dieselbe Figur. Das ist ein Unterschied. Und ein bisschen Nutte. Jedenfalls so, wie ich mir eine Nutte vorstellte. Das Make-up – das war keine Zufallsauswahl. Das war Präzisionsarbeit. Das Ergebnis war garantiert. Ich war das Ergebnis.
Ich stellte mich hinter sie. Hände auf ihre Schultern.
Sie drehte den Kopf. Schaute zu mir hoch.
„Möchtest du mit mir schlafen?“
Direkte Fragen haben einen entscheidenden Nachteil. Man braucht direkte Antworten. Die ich nicht hatte.
Ich sah ihr über den Spiegel in die Augen. Da war etwas darin – ein Glanz, eine Frage, oder ich bildete es mir ein. In dem Moment macht das, wie gesagt, keinen Unterschied.
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Ja und nein. Ich möchte vor allem gerne mit dir reden.“
„Gut.“ Kurze Pause. „Komm mit aufs Bett.“
***
Sie hockte im Schneidersitz. Arme auf die Hüften. Blick direkt. Kein Vorwort. Keine dieser höflichen Einleitungen, mit denen Menschen normalerweise versuchen zu verbergen, dass sie etwas wissen wollen. Sie hatte für solche Dinge keine Verwendung.
„Wann hast du zuletzt gefickt?“
Ich schluckte.
Marie. Gestern Abend. Die Klingel. Der Klick. Mein Freund ist gerade da.
„Ich war gestern bei einer Frau -“
„Warum bist du hier?“
„Eigentlich, weil ich mit dir reden wollte.“
Eigentlich ist ein gefährliches Wort. Es kündigt fast immer eine Ausrede an. Oder eine Wahrheit, die man noch nicht ganz aussprechen möchte.
„Und uneigentlich?“
„Ich habe nicht mit ihr geschlafen.“
Sie nickte. Einmal. Als wäre das die Antwort gewesen, auf die sie von Anfang an gewartet hatte.
„Gut“, sagte sie. „Dann möchte ich, dass du bleibst und auf mich wartest.“
Sie stand auf. Ohne Erklärung. Ohne Übergang. Als würde der nächste Gedanke bereits feststehen und nur ich hätte den Anschluss verpasst.
„Und wenn ich nicht warten möchte?“
Das leise Lächeln. Das einem das Denken eine halbe Stufe schwerer macht.
„Dann muss ich dafür sorgen, dass du mir nicht wegläufst.“
„Und wie willst du das anstellen?“
„Hiermit.“
Chromglänzend. Kalt. Ein Paar Handschellen, direkt vor mein Gesicht gehalten.
Ich hob die Augenbrauen. Sie beugte sich vor. Kurzer Kuss – nicht beiläufig, aber auch kein Versprechen. Griff nach meiner linken Hand. Ich ließ sie. Der Stahl war kalt. Die Handschelle einen Tick zu eng.
Ich hatte mir die Situation, ganz ehrlich gestanden, etwas anders vorgestellt. Erotischer zum Beispiel. Mehr Kerzenschein und Erdbeermund. Weniger die Frage, ob meine Krankenversicherung für Druckstellen aufkommt.
„Ich beeil mich“, hauchte sie – und verschwand durch die Tür. Das Schloss klickte. Von außen.
Ich saß da und überlegte, wie ich das jemandem erklären würde. Mir fiel niemand ein, dem ich das erklären wollte.
***
Da saß ich nun. Auf einem kleinen Bett, den linken Arm über dem Kopf, ans Gestell gefesselt, und schaute an die Decke, die nichts Tröstliches zu bieten hatte.
Ich versuchte, mich bequemer hinzusetzen. Keine Position war wirklich angenehm. Das weiß man eigentlich. Man weiß es leider nur immer erst, wenn man bereits gefesselt ist.
Mein Handgelenk fing an zu schmerzen.
Du hast dir das anders vorgestellt. Ganz anders.
Stimmt. Hatte ich. In meiner Version dieser Geschichte war irgendwie mehr Lametta und weniger Orthopädieproblem.
Linker Arm oben. Rechter Arm seitlich. Wäre beim Sex vermutlich ein Vorteil gewesen – leider lag ich allein da rum. Ich dachte über die Handschellen nach. Über ihre Herkunft. Ob sie dienstlich waren oder privat. Ob es einen Unterschied machte. Ob irgendjemand bei der Beschaffung geahnt hatte, welchen Karriereweg sie einmal einschlagen würden. Wahrscheinlich nicht. Wobei. Wer weiß das schon.
Die Zeit verstrich. Das Mädchen kam nicht.
War das ein Spiel? Wollte sie mich schmoren lassen? Mich weich kochen? Oder hatte sie mich – mit Absicht – einfach vergessen? Das wäre die demütigendste Variante. Für die Demütigung braucht man nicht mal böse Absicht. Manchmal reicht schlichte Gleichgültigkeit vollkommen aus.
Ich hielt die Luft an. Lauschte. Gedämpfte Geräusche durch die Tür. Schritte? Nein. Stimmen? Vielleicht. Nichts.
Was wollte sie?
Und dann die eigentliche Frage, die unangenehme, die ich schon eine Weile vor mir hergeschoben hatte wie einen Bon, den man nicht einlösen will:
Was wollte ich?
Bei ihr war ich mir nicht sicher.
Bei mir allerdings auch nicht.
Ich hatte keine befriedigende Antwort. Die Stille hatte aber etwas. Nicht angenehm – eher ehrlich. So eine Art Pause, in der man sich nicht wegdenken kann, weil man buchstäblich festgebunden ist. Vielleicht brauchen manche Leute das. Vielleicht erklärt das einiges.
Dann – endlich – der Schlüssel.
Langsam öffnete sich die Tür. Immer langsamer. Als hätte sie draußen eine Sekunde innegehalten, nur um den Effekt zu maximieren.
Dann der Kopf.
„Hi – da bin ich wieder.“
Ich entspannte. Kimono. Korsage und Schuhe im Arm. Der Slip baumelte am kleinen Finger – wie ein Nachsatz, dem man nicht mehr viel Gewicht beimaß.
„Hast du dir die Zeit gut vertrieben?“
„Es ging so. Mein Handgelenk tut ein bisschen weh.“
„Oh – das müssen wir sofort ändern.“
Sie nahm den kleinen Schlüssel vom Tisch, kam auf mich zu und streckte mir ihre Hand zum Kuss. Ich küsste sie. Sie spielte mit den Fingern an meinen Lippen – als würde sie etwas ausprobieren, das sie schon konnte, aber trotzdem noch mochte.
Dann löste sie die Handschelle vom Gestell, führte sie hinten um die Stäbe, griff mein rechtes Handgelenk. Die linke lockerte sie leicht. „Ist es so besser?“ Ich nickte. Sie stieg vom Bett.
Ich lag jetzt, beide Hände über dem Kopf, gefesselt, und schaute hoch zu einem schwarzhaarigen Mädchen, das mich ansah wie jemanden, dessen nächste Stunde sie bereits verplant hatte.
„Wie fühlst du dich?“
Ich überlegte kurz. Es gab mehrere ehrliche Antworten.
„Ausgeliefert.“
„Ja“, sagte sie. „Ich kann jetzt alles mit dir machen, was ich will.“ Kurze Pause. „Ist dir das unangenehm?“
„Nein.“
Das stimmte sogar. Was über meinen Gemütszustand in dem Moment vielleicht mehr aussagt, als mir lieb ist.
***
Sie setzte sich vor den Spiegel. Cremte das Make-up ab. Schicht für Schicht, Farbe für Farbe. Wurde jünger, menschlicher, verletzlicher – obwohl das das letzte Wort war, das sie je für sich verwendet hätte.
Ich sah von meiner Lage aus in den Spiegel und dachte:
Was wird jetzt passieren?
Keine Ahnung.
Das war das eigentlich Merkwürdige. Es gab keine Vertrauensbasis zwischen uns. Ich kannte nicht mal ihren Namen – sie hatte mir verboten danach zu fragen, und ich hatte mich daran gehalten, was vielleicht das Vernünftigste war, das ich in dieser ganzen Geschichte je getan hatte. Ich wusste nicht, ob sie mich gut behandeln würde. Was, wenn nicht?
Und genau da, in dieser Ungewissheit – lag vermutlich der Reiz.
Das sage ich nicht stolz. Ich sage es nur, weil es stimmt.
„Woran denkst du?“
„An Fußball.“
Sie schaute nicht mal auf. Die klassische Männerantwort. Funktioniert ungefähr so gut wie „Nichts“ auf die Frage, ob etwas ist. Frauen glauben einem nicht. Weiter mit ihren Cremes.
„Soso.“
„Naja“, sagte ich. „Eigentlich stimmt das nicht so ganz.“
„Und woran denkst du tatsächlich?“
„Was du wohl mit mir anstellen wirst.“
„Reden“, sagte sie.
Stand auf. Kam auf mich zu. Setzte sich neben mich. Lächelte. Und ihre Hand wanderte an meine Hose.
„Ich will nur wissen, in welchem Zustand er sich befindet.“
Als sie mich auszog, trug sie nur ihren Kimono, der ihren Körper wenig verhüllte – und das war, wie gesagt, keine Fahrlässigkeit.
Sie setzte sich auf mein Becken. Hände auf meiner Brust.
„Also – fang‘ an.“
Sie ließ sich langsam auf mich nieder. Mein Kopf war leer. Gedankenfetzen zogen durch – ich versuchte, einen festzuhalten. Keiner wollte.
„Könntest du dir vorstellen, mit deinem Job hier aufzuhören?“
Sie schaute mich an.
„Sofort? Wollen wir gleich gehen oder haben wir noch ein bisschen Zeit?“
Sie legte den Kopf auf meine Brust. Streichelte langsam meine Seite.
„Klar haben wir jetzt noch ein bisschen Zeit“, sagte ich. „Aber mal ganz im Ernst – könntest du dir vorstellen, mit mir mitzukommen?“
„Gehen wir zu dir oder zu mir?“
Dann wurde sie ernst.
„Du meinst es ernst. Nicht wahr?“
„Sagen wir: Ich mache mir Gedanken.“
„Was soll das heißen, du machst dir Gedanken?“ Ihre Stimme war nicht böse, eher amüsiert, auf diese Weise, die schlimmer ist als böse. „Entweder du willst, dass ich mitkomme – oder du willst es nicht!“
„Du hast recht. Aber so ganz ausgereift ist die Idee nicht.“
„Typisch Mann.“ Kurzes Lachen. Nicht boshaft. „Hauptsache erst mal was gesagt. Glaubst du nicht, dass man manche Dinge einfach leben muss?“
Da hatte sie wohl recht.
Wäre ich wirklich bereit, das Mädchen mit mir zu nehmen? Wollte ich das? Was konnte ich ihr bieten? Sollte ich ihr anbieten, bei mir zu wohnen — ich würde sie aushalten? Mich schon im Vorhinein zum Trottel machen?
Ich dachte daran, wie das aussähe. Morgen früh. Frühstück. Sie mit ihrer Korsage an meinem Küchentisch. Ich mit meiner Zeitung und einem Plan, den ich nicht hatte.
Wahrscheinlich wäre schon der Küchentisch überfordert gewesen. Er war von IKEA. Und hatte seine Grenzen.
Nein. So funktioniert das nicht.
Andererseits: Wie funktioniert es denn?
„Du hast recht“, sagte ich schließlich. „Manche Dinge muss man wohl wirklich leben. Ich möchte nicht, dass du mir jetzt gleich eine Antwort gibst. Aber denkst du bitte drüber nach, ob du dir wenigstens von mir helfen lässt, hier rauszukommen?“
Kurze Stille.
„Wenn ich hier raus will, lass ich’s dich wissen.“
Eine Pause.
„Und jetzt sei ruhig.“
Sie rutschte höher und küsste mich. Ich schloss die Augen.
***
Es war anders als das erste Mal.
Das erste Mal hatte sie mich gefickt. Diesmal schlief sie mit mir. Das klingt nach demselben Sachverhalt. Es ist nicht derselbe Sachverhalt. Wer das nicht versteht, hat entweder sehr viel Glück gehabt im Leben – oder sehr wenig.
Sie ließ mich viel weiter heran als beim ersten Mal. Ihre Züge entspannt, fast friedlich. Und ich verstand – nicht sofort, aber irgendwann in diesen Minuten -, dass die Handschellen ihr genau das ermöglichten. Diese perverse, umgekehrte Logik: ich gefesselt, sie frei. Ich ausgeliefert, sie sicher. Macht als Voraussetzung für Vertrauen.
Das klingt kompliziert. War es auch. Ich habe es trotzdem nicht vergessen. Damals erschien mir das vollkommen verrückt. Heute würde ich es vermutlich Beziehung nennen.
Ich zerrte an den Handschellen, als ihre Hand zwischen meine Beine wanderte, und mein Schwanz ziemlich schnell ziemlich steif wurde. Sie grinste. Breit und zufrieden. Spielte erst eine Weile damit – rieb sich die Scheide, nahm sich Zeit, als hätte sie alle Zeit der Welt, was sie in diesem Moment vermutlich hatte – bevor sie ihn sich langsam einführte.
Sie ritt mich. Wurde begierlicher, heftiger. Jeder Teil ihrer Bewegungen ging auf mich über. Ich hatte das Gefühl zu verschmelzen – was ich normalerweise für Unsinn gehalten hätte, aber in dem Moment war es einfach so, und es nützte nichts, es wegzudenken.
Ihr Lächeln verschwand für den Moment, in dem sie kam. Und kehrte danach zurück. Zufriedener. Glücklicher, fast.
Sie lag noch ein paar Minuten auf mir. Küsste mich dann. Schloss die Handschellen auf.
„Was für ein schöner Fick!“, sagte sie.
Und alle meine sanften, einfühlsamen Gedanken platzten. Wie kleine, schillernde Seifenblasen. Peng. Peng. Peng.
Man soll nie mit dem Denken anfangen, wenn die Situation es nicht verlangt.
„Ja – das war’s“, sagte ich.
„Hat’s dir wenigstens ein bisschen Spaß gemacht?“
„Ich fand’s… geil.“
Nicht ganz gelogen. Nicht ganz die Wahrheit. Irgendwo dazwischen, wo die meisten Dinge leben.
„Nur bin ich immer noch grässlich unbefriedigt.“
„Da möchte ich dir heute nicht helfen“, sagte sie. „Aber ein anderes Mal gern.“
„Schade.“
Sie zog sich an. Body. Kurzer, weiter Rock. Sakko. Mit den geübten Handgriffen von jemandem, der das schon tausendmal getan hat und dabei nie nachgedacht hat und auch nicht vorhat, damit anzufangen.
„Lass uns gehen.“
***
Sie fuhr mich durch die schlafende Stadt.
Freiburg schläft gut. Gelbes Licht auf nassem Asphalt. Kleine Seitenstraßen, die nachts niemandem gehören und auch niemandem fehlen. Sie kannte die Stadt anders als ich – von einer Seite, die ich nur aus Vorbeifahren kannte und nie wirklich verstehen würde.
Hielt hinter meinem Wagen an. Motor aus.
„So — da wären wir.“
„Ja.“
Ich wollte noch irgendetwas sagen. Irgendetwas, das den Abschied weniger abrupt gemacht hätte. Irgendetwas, das zeigt, dass die letzten Stunden nicht einfach vorbei sind, nur weil die Tür gleich aufgeht.
Nichts kam. Das passiert mir öfter als mir lieb ist.
„Hey — alles klar bei dir?“, flüsterte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
„Bist du immer noch geil?“
Ihre Hand landete auf meinem Schoß. Nicht zufällig.
„Was glaubst denn du?“
„Hmm.“ Kurzer Blick nach unten. Wieder hoch. „So, wie ich das sehe, hast du jetzt einen stehen.“
Sie fing an, meine Hose aufzuknöpfen. Ich ließ sie. Als hätte ich in dem Moment irgendwas dagegen tun können.
„Ja“, hauchte ich, als sie meinen besten Freund auspackte und sich über meinen Schoß beugte.
„Das gefällt dir wohl?!“, sagte sie – und hörte kurz auf. „Du musst dir aber nicht einbilden, dass ich dir einen blase. Ich will schließlich auch meinen Spaß.“
Sie ließ von mir ab. Küsste mich. Hakte sich den Body auf.
Vom Prinzip her war nun alles klar, und es hätte auch eine nette Vögelei werden können – wenn da nicht zwei Dinge gewesen wären. Sex im Auto ist ja nun mal nicht so toll. Und im Panda schon gleich gar nicht. Der war für vieles gebaut worden. Für diese Situation eher nicht.
Eigentlich für keine. Aber das war sein Problem.
„Du – wollen wir nicht lieber zu mir fahren?“
„Nö“, sagte sie. „Willst du jetzt etwa kneifen?“
„Nein. Aber Sex im Auto …“
„Wenn du nicht willst, lassen wir’s halt bleiben!“
„Dann komm doch lieber mit raus“, sagte ich. Selbst ein bisschen überrascht davon.
„Okay“, grinste sie.
Ich setzte sie auf Pandas Motorhaube. Das Metall unter ihr kalt – sie sagte dazu nichts. Ich küsste sie, streichelte ihre Scham.
„Nu mach schon“, sagte sie.
Ich fühlte mich ultimativ aufgefordert.
Es war eine schöne Vögelei. Das sage ich ohne Ironie, was selten vorkommt. In einer Seitenstraße, die nachts niemandem gehörte, mit einer Frau, deren Namen ich nicht kannte – sie hatte mir verboten danach zu fragen – auf der Motorhaube eines weißen Panda, der das alles kommentarlos mitmachte, weil er keine andere Wahl hatte.
Davor war ja wohl auch so ziemlich alles schief gegangen. Das ist ein wichtiger Kontext. Man soll Erfolge nie ohne ihren Hintergrund bewerten.
Zum Abschied küssten wir uns. Ich gab ihr meine Karte.
„Damit du dich melden kannst.“
„Gut“, sagte sie. „Ich werde mich melden – aber ich will, dass du nicht mehr in den Club kommst und nicht versuchst, mir hinterherzufahren. Versprichst du mir das?“
„Ja — okay.“
Sie stieg ein. Weißer Panda. Fuhr in den beginnenden Morgen davon.
Eine tolle Kiste.
Der Fiat-Werbeslogan. Fürwahr.
Das war einer der guten 3-er-Tage. Du weißt schon, welche ich meine.
