Ein paar Tage waren vergangen, seit ich in dieser Kneipe gewesen war.

War es überhaupt eine Kneipe? Sagen wir: eine Lokalität. Ist aber auch egal. Wichtig war nicht, was der Laden war. Wichtiger war, was ich glaubte, dass er war.

Mir ging’s wieder ganz gut.

Dachte ich jedenfalls.

Zur Sicherheit wollte ich noch einen HIV-Test machen lassen. Du weißt schon. Sicher ist sicher. Und außerdem wusste ich gern, was auf mich zukam.

Warum der Test?

Tja.

Warum eigentlich?

Wie war das alles überhaupt passiert?

Richtig. Ich war bei diesem Mädchen gewesen. In ihrem Zimmer. Nein. In ihrer „Garderobe“. Wobei ich bis heute nicht weiß, ob das wirklich ihre Garderobe war — oder einfach nur ihr Zimmer, in dem gelegentlich gearbeitet wurde.

Sie hatte die Tür abgeschlossen. Ich erinnere mich noch, dass ich mich darüber gewundert hatte. Dass es in so einem Laden überhaupt funktionierende Schlösser gab.

Dann hatte sie mich angesehen. Ganz ruhig. Ganz direkt.

„Willst Du vorher reden — oder hinterher?“

Spätestens da hätte ich kapieren müssen, wohin die Reise ging. Aber gut. Man wird älter. Und offensichtlich nicht zwingend klüger.

Ich erinnere mich noch verdammt genau an sie. An ihre festen Brüste. Ihre endlos langen Beine. Diese Mischung aus Mädchen und etwas, das längst keins mehr war.

Und ich?

Was sagt ein halbwegs intelligenter Mann in so einem Moment?

Natürlich: „Ich will nur mit Dir reden.“

Stille.

Dann schaute sie mich an. Als hätte ich gerade behauptet, ich würde die Mondlandung für überschätzt halten.

Dann fing sie an zu lachen. Lang. Ehrlich. Fast herzlich.

„Ist mir scheißegal, wofür Du Dein Geld rausschmeißt“, sagte sie schließlich. „Hauptsache, Du bezahlst.“

Und ich?

Ich Idiot legte nach.

„Warum machst Du das hier?“

Im ersten Moment schaute sie nur verdutzt. So richtig. Als hätte ich ihr gerade angeboten, gemeinsam Steuererklärungen zu machen.

Dann lachte sie. Und sagte, es sei ihr vollkommen egal, wofür ich mein Geld rausschmiss. Hauptsache, ich bezahlte.

Ich hätte es dabei belassen können. Wirklich. Ein vernünftiger Mensch hätte genau das getan.

Ich nicht.

„Warum machst Du das hier?“

Sie hörte auf zu grinsen. Nicht abrupt. Eher langsam. Wie wenn irgendwo ein Licht ausgeht.

„Du musst nichts sagen“, sagte ich. „Aber — ich möchte, dass Du mitkommst.“

Jetzt lachte sie wieder. Diesmal kürzer. Härter.

„Mitkommen?“

Sie setzte sich auf die Bettkante. Schlug die Beine übereinander. Sah mich an. Direkt.

„Warum soll ich mit Dir mitgehen?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Weiß nicht.“

„Starke Nummer.“ Sie nickte langsam. „Warum Du?“

Ich schluckte.

„Weil —“

Pause. Großartig. Mehr kam da nicht. Nur: „Weil das hier nichts für Dich ist.“

Sie schaute mich an. Lange. Dann hob sie eine Augenbraue.

„Ach ja? Und das kannst Du beurteilen?“

„Nein — ich mein nur —“

„Was?“

„— dass Du das nicht nötig hast.“

Stille.

Dann lehnte sie sich zurück. Und lächelte. Nicht nett. Nicht verletzt. Eher so, wie eine Katze lächelt, kurz bevor sie mit etwas spielt. Sie beugte sich vor. Ganz nah. Ich roch Parfum. Und Zigaretten. Und irgendetwas Süßliches, das ich bis heute keiner Substanz eindeutig zuordnen konnte.

„Weißt Du, was das Schöne an meinem Job ist?“

Ich schüttelte den Kopf.

„In achtzig Prozent der Fälle hab ich dabei einen Orgasmus.“ Sie grinste breit. „Zeig mir mal einen Bürojob, der das schafft.“

Und genau da — genau da fing ich an, sie zu bewundern. Nicht weil ich sie verstand. Sondern weil sie offensichtlich beschlossen hatte, sich von niemandem erklären zu lassen, wer sie war.

Eine ganze Weile stand ich einfach nur da und schaute sie an. Nein — wenn ich ehrlich bin: ich starrte sie an. Unverschämt. Fast gierig. Und gleichzeitig war da noch etwas anderes. Dieser verdammte Beschützerinstinkt. Als müsste ich sie retten. Wovor auch immer. Wahrscheinlich vor Männern wie mir.

„Na, Du Spanner.“

Ich zuckte zusammen. Sie grinste breit. Nicht mal böse. Eher amüsiert. Als hätte sie gerade laut ausgesprochen, was mir selbst längst peinlich war.

„Hey — mach Dir nichts draus.“ Sie schubste mich leicht. Ich fiel rückwärts aufs Bett.

Das Bett ächzte. Nicht vorwurfsvoll. Eher erfahren.

„Willst Du was trinken?“

„Nein. Ich hab genug.“

Sie nickte. Dann lächelte sie. Dieses kleine, schiefe Lächeln.

„Gut. Dann fang an.“

„Womit?“

„Na — mit reden.“

Und dann redete ich. Wie ein Idiot. Oder wie jemand, der viel zu lange nichts gesagt hatte. Von Sarah. Von der Barmieze. Von dem Laden. Von meinem Leben. Von Dingen, die sie einen Scheiß angingen.

Und sie? Sie hörte einfach nur zu. Kein Schauspiel. Keine Sprüche. Kein Augenrollen.

Nur zuhören.

Irgendwann — ich weiß nicht mehr wann — saß sie plötzlich ganz nah bei mir. Dann noch näher. Und irgendwann fing sie an zu weinen. Einfach so. Keine Vorwarnung. Keine große Szene. Nur Tränen. Leise. Echt.

Ich legte meinen Arm um sie. Einfach so. Ohne nachzudenken. Ohne Hintergedanken.

Na gut. Fast ohne.

Ihr kleiner Körper schmiegte sich an mich. Ganz selbstverständlich. Als hätte sie das schon hundertmal gemacht. Oder noch nie.

„Scheiß-Weiber —“ murmelte sie. „Immer am Heulen.“

Ich musste grinsen. Weil sie verdammt noch mal recht hatte. Und weil genau in diesem Moment gar nichts mehr lustig war.

Wir lagen nebeneinander. Das Bett ächzte leise unter unserem Gewicht. Irgendwo draußen lief Musik. Dumpf. Bass durch dünne Wände. Gelächter. Gläser. Leben. Und wir — lagen da. Als gehörten wir nicht dazu.

Ich war in einer Garderobe hinter irgendeinem schäbigen Laden, halb betrunken, emotional verwirrt und lag mit einer Frau im Bett, die mich vermutlich besser durchschaute als ich mich selbst.

Also eigentlich alles wie immer.

Neben mir raschelte Stoff. Ich drehte den Kopf. Und plötzlich war sie nackt. Einfach so. Kein großes Theater. Keine Pose. Kein falscher Zauber. Sie lag einfach da. Und schmiegte sich wieder an mich. Als wäre das das Normalste der Welt.

Es ist wieder einer von diesen Tagen.

Der Gedanke kam sofort. Wie immer. Ohne Einladung.

Ihre Hand glitt langsam über meinen Bauch. Tiefer. Noch tiefer. Ich hielt sie fest. Reflex.

„Was ist?“

„Was machst Du da?“

Sie lächelte. Dieses kleine Lächeln. Fast traurig. Fast zärtlich. Fast gefährlich.

„Gar nichts.“

Dann machte sie weiter. Langsam. Geduldig. Als hätte sie alle Zeit der Welt.

Ich spürte, wie mein Körper längst Entscheidungen traf, bei denen mein Kopf noch gar nicht gefragt worden war. Unverschämte Konstruktion, so ein Mann.

Ihre Lippen wanderten über meinen Bauch. Tiefer. Und ich schloss die Augen. Nicht aus Lust. Eher aus Überforderung. Mein Körper machte mit. Mein Kopf stand irgendwo daneben und rauchte.

Irgendwann zog sie sich langsam auf mich. Ganz vorsichtig. Fast schwerelos. Dann begann sie, sich zu bewegen. Langsam. Kreisend. Gleichmäßig. Fast hypnotisch. Kein Laut. Kein Stöhnen. Nichts. Nur Bewegung. Präzise. Ruhig. Fast — mechanisch. Und genau in dem Moment wurde mir plötzlich kalt.

Ich öffnete die Augen. Und sah sie an. Zum ersten Mal wirklich. Nicht ihren Körper. Nicht ihre Beine. Nicht ihre Brüste. Sie. Ihr Gesicht.

Leer.

Fast.

Keine Lust. Keine Hingabe. Nicht mal Routine. Eher — Arbeit. Saubere, präzise, emotionslose Arbeit. Als würde irgendwo tief in ihr längst jemand anderes Dienst nach Vorschrift machen.

Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Ich griff nach ihr. Zog sie zu mir runter. Ganz nah. Wollte sie küssen. Einfach nur küssen. Nichts weiter. Nur einen verdammten Kuss. Mehr nicht.

Und genau da fror alles ein.

Sofort.

Ihr Körper wurde hart. Nicht körperlich. Anders. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sie stützte sich auf mir ab. Sah mich an. Zum ersten Mal ohne Lächeln. Ohne Spiel. Ohne irgendwas.

Nur kalt.

Dann schob sie sich wortlos von mir runter. Stand auf. Ging zur Tür. Öffnete sie. Drehte sich um.

„Du musst jetzt gehen.“

Ich blinzelte.

„Was?“

„Hab ich undeutlich gesprochen?“

Ihre Stimme war ruhig. Fast freundlich. Was es irgendwie noch schlimmer machte.

Ich setzte mich auf.

„Ich dachte —“

„Genau das ist Dein Problem.“

Sie deutete zur Tür. „Raus.“

Ich stand auf. Nackt. Verwirrt. Mitten in der Nacht. Mit einem Ständer, einer Existenzkrise und ungefähr null Ahnung, was gerade passiert war.

Ich griff nach meinen Sachen. Oder wollte es.

Da fiel mir auf — da waren keine. Gar keine.

Sie sah mich an. Dann nahm sie meine Hose. Mein Hemd. Meine Schuhe. War alles schon auf ihrem Arm. Als hätte sie längst damit gerechnet.

„Moment mal —“

Zu spät. Ein kleiner Wurf. Dann schob sie mich raus. Ein Schritt. Noch einer. Kalter Boden unter nackten Füßen. Die Tür knallte zu. Der Schlüssel drehte sich. Einmal. Zweimal.

„Verschwinde.“

Da stand ich nun. Nackt. In einem versifften Flur. Mitten in der Nacht.
Und dachte nur: Das läuft heute wirklich hervorragend.

Aus der Bar drang Musik in den Flur. Dumpf. Bass. Gelächter. Gläser. Irgendjemand brüllte irgendwas Unverständliches. Und ich stand nackt unter einer flackernden Glühbirne und versuchte zu begreifen, wie genau ich in den letzten zwanzig Minuten derart spektakulär falsch abgebogen war.

Ich muss erbärmlich ausgesehen haben. Wirklich. Nicht sexy-erbärmlich. Nicht „verletzlicher Mann mit Tiefe“. Einfach erbärmlich. Kalt. Nackt. Leicht verwirrt. Irgendwo zwischen Erektion und Existenzkrise.

Da stand sie. Die Barmieze. An der Durchgangstür, an den Türrahmen gelehnt. Grinsend. Natürlich grinsend. Als hätte sie den ganzen Abend auf genau diesen Moment gewartet. Was vermutlich sogar stimmte.

„Na —“ Sie musterte mich von oben bis unten. Langsam. Ohne jede Eile. „Wen haben wir denn da?“

Ich sagte nichts. Was in meinem Zustand wahrscheinlich die klügste Entscheidung des Abends war. Stattdessen versuchte ich reflexartig, meine besten Teile mit beiden Händen abzudecken.

Sie lachte. Leise. Ehrlich. Fast liebevoll. Kam langsam auf mich zu. Absatz für Absatz. Klack. Klack. Klack. Bis sie direkt vor mir stand. Sie griff nach meinen Handgelenken — und zog sie einfach weg. Als hätte sie jedes Recht der Welt dazu.

„Na ja —“ Sie legte den Kopf schief. „Der Zustand ist nicht der beste.“ Kurze Pause. Dann dieses Grinsen. „Aber das krieg ich schon hin.“

Und genau da wurde mir klar, dass ich ein ziemlich großes Problem hatte.

Ich wich einen Schritt zurück. Dann noch einen. Bis mein Rücken die Wand fand. Kalt. Feucht. Irgendwas bröselte von der Tapete in meinen Nacken.

Passte.

Die Barmieze lachte. Nicht laut. Nicht gehässig. Eher interessiert. Wie jemand, der gerade herausgefunden hat, dass sein neues Spielzeug tatsächlich funktioniert.

„Na — was ist los mit Dir? Hast Du etwa Angst vor mir?“ Die Frage hing einen Moment zwischen uns. Dann: „Keine Sorge — bei mir bist Du in guten Händen.“

Du kannst die Jungs fragen.

Der Satz schoss mir so unvermittelt durch den Kopf, dass ich beinahe lachen musste.

Tat ich natürlich nicht.

„Mit mir ist alles in Ordnung.“ Ich sagte das mit genau der Überzeugung eines Mannes, der nackt in einem versifften Flur steht und gerade absolut nichts mehr unter Kontrolle hat.

Sie nickte. Dann beugte sie sich vor. Ihre Lippen fast an meinem Ohr.

„Dann ist ja alles klar.“

„Gar nichts ist klar. Ich geh jetzt einfach.“

Für einen Moment sagte sie nichts. Dann trat sie zurück. Ganz langsam. Sah mich an. Als würde sie etwas abwägen.

Dann zuckte sie mit den Schultern.

„Klar. Kannst Du machen.“

Ich blinzelte. Das war zu einfach. Viel zu einfach. Und genau deshalb hätte ich misstrauisch sein sollen. War ich natürlich nicht.

Ich wollte gerade an ihr vorbei — als sie blitzschnell nach vorne griff.

Meine Hose.
Mein Hemd.
Schuhe.

Alles. Ein Griff. Ein Satz. Ein Grinsen. Und weg war sie.

Da stand ich nun. Nackt. Barfuß. Ohne Geld. Ohne Schlüssel. Ohne Papiere. Ohne Plan. Ich starrte auf die geschlossene Tür. Dann an mir runter. Dann wieder auf die Tür.

Das ist nicht Dein Abend. Das ist inzwischen schon fast Kunst.

Langsam fing ich an zu frieren. Nicht dieses harmlose: Hm, bisschen kühl hier. Nein. Dieses tiefe, ehrliche Frieren. Das einem durch die Fußsohlen hochkriecht. Über die Knie. Direkt in die Eier.

Ich stand da. Nackt. In einem versifften Flur. Mitten in der Nacht. Und dachte über mein Leben nach. Genauer: über meine bemerkenswerte Fähigkeit, immer genau dort zu landen, wo man auf keinen Fall landen wollte.

Das Mädchen. Sie musste mir helfen.

Ich klopfte. Vorsichtig zuerst. Dann etwas fester. Nichts. Ich klopfte wieder.

„Hey —“ Meine Stimme klang erstaunlich klein. „Ich hab ein Problem.“

Stille. Dann ihre Stimme. Gedämpft durch die Tür. Kühl. Fast gelangweilt.

„Das ist Dein Problem. Sieh zu, wie Du klarkommst.“

Ich lehnte die Stirn gegen das Holz.

„Hör mal — ich steh hier nackt rum. Mir ist schweinekalt, die Barmieze hat meine Klamotten, und ich fühl mich verdammt nochmal beschissen.“

„Ja.“ Pause. „Wir haben alle so unsere Probleme.“

Ich schloss die Augen. Zählte innerlich bis drei. Was normalerweise half.

Diesmal nicht.

Also: Tür? Abgeschlossen. Fenster? Tod. Telefon? Keins. Klamotten? Weg.

Ich sah mich um.

Vor mir: die verschlossene Garderobentür. Hinter mir: die Tür zur Bar. Und ganz hinten — im Halbdunkel — noch eine. Klein. Unscheinbar. Fast versteckt. Ich starrte sie an. Dann grinste ich. Ganz langsam.

Wer wagt — gewinnt. Oder stirbt peinlich. Eins von beidem.

Ich setzte mich in Bewegung. Langsam. Sehr langsam. Nicht aus Vorsicht. Eher aus dem nachvollziehbaren Wunsch, möglichst nicht nackt irgendwo entdeckt zu werden. Beide Hände vor meinem besten Stück. Was albern aussah. Aber immerhin traditionell war.

Der Boden war kalt. Klebrig. Und ich wollte eigentlich gar nicht wissen, warum. Dann trat ich auf etwas. Weich. Nachgiebig. Bitte nicht hinsehen. Nicht hinsehen! Ich sah natürlich hin. Ein benutztes Kondom. Platt. Leicht milchig. Wie ein zertretener Gartenschlauch.

Durchatmen.

„Scheiße!“

Mehr fiel mir dazu nicht ein. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Nicht sehr einfallsreich, ich weiß. Aber es kam aus tiefstem Herzen und mit stiller Überzeugung. Ich hatte das letzten bisschen Kontrolle vollständig im Nichts an der Garderobe hängen lassen. Wohl aus Versehen. Bestimmt. Keine Frage. Mit Absicht bestimmt nicht.

Ich griff nach dem Knauf. Ganz vorsichtig. Drehte. Noch ein bisschen. Da —

Plötzlich wurde die Tür von innen aufgerissen. Und ich stand mit einem Schlag nicht mehr im Flur. Ich stand auf einem kleinen, wackeligen Podest.

Mitten in der Bar.

Mit einem Schlag wurde es still. So richtig still. Keine Musik. Kein Gelächter. Keine Gläser. Nichts. Nur ich. Nackt. Unter einem einzelnen Spot. Wie eine Mischung aus Bewerbungsgespräch und Hinrichtung.

Irgendwo ein Kichern. Dann noch eins. Dann räusperte sich jemand.

Ich spürte, wie mir die Zunge trocken am Gaumen klebte. Mein Herz schlug irgendwo auf Halsschlagaderhöhe. Und trotzdem — setzte ich ein Grinsen auf. So breit, wie man eben grinst, wenn man innerlich bereits komplett gestorben ist.

Dann hob ich leicht eine Hand. Fast höflich.

„— Abend zusammen.“

Irgendwo rechts fiel ein Glas um. Links kicherte jemand. Hinten pfiff einer. Und direkt vor mir saßen vielleicht zwanzig Leute. Männer. Ein paar Frauen. Rauch. Bier. Whiskey. Neonlicht. Und zwanzig Gesichter, die mich ansahen, als wäre ich entweder das Abendprogramm — oder der Hauptgewinn.

Ich grinste weiter. Was anderes blieb mir auch nicht.

Dann klatschte irgendwo einer. Langsam. Einzeln. Klatsch. Klatsch. Klatsch.

Und plötzlich lachten sie alle. Nicht böse. Nicht mal wirklich über mich. Eher mit der ehrlichen Begeisterung von Menschen, die nicht damit gerechnet hatten, dass ihr Abend noch besser werden könnte.

Ich nickte höflich. Warum auch nicht. Wenn man schon nackt auf einer Bühne steht, sollte man wenigstens Haltung bewahren.

Langsam schob ich mich rückwärts. Zentimeter für Zentimeter. Mein Blick fest nach vorne. Bloß keine Hektik. Bloß nicht stolpern. Bloß nicht — Mein Fuß blieb irgendwo hängen. Das Podest wackelte. Ein Raunen ging durch den Raum. Ich fing mich. Gerade noch.

Applaus.

Tatsächlich. Verdammter Applaus.

Das ist nicht mehr peinlich. Das ist Performance.

Ich erreichte die Tür. Spürte die Klinke. Drückte. Rückwärts. Langsam. Genau in dem Moment schob sich neben mir ein Arm ins Bild. Schlank. Gebräunt. Rote Fingernägel. Die Barmieze. Natürlich. Wer sonst. Sie zog die Tür für mich auf. Ganz höflich. Wie ein Portier in einem Fünf-Sterne-Hotel. Nur deutlich gefährlicher.

Ich trat zurück in den Flur. Sie folgte mir. Schloss die Tür. Langsam. Klick. Dann lehnte sie sich dagegen. Verschränkte die Arme. Und grinste. Dieses Grinsen, das einem sofort klarmacht: Das hier war nie ein Zufall.

„Na —“ Ein kurzer Blick nach unten. Dann wieder hoch. „Hast Du’s Dir überlegt?“

Ich sagte nichts. Weil mir in genau diesem Moment klar wurde: Meine Sachen waren immer noch bei ihr. Und sie wusste das. Natürlich. Sie wusste heute verdammt viel.

Dann drehte sie meine Schlüssel an einem Finger. Langsam. Ganz langsam. Klick. Klick. Klick.

„Ich nehme an —“ Meine Stimme war rau. Trockener Hals. Trockener Mund. Trockene Würde. „— Du lässt nicht mit Dir handeln.“

Sie lächelte. Fast zärtlich. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nein. Heute nicht.“

Ich schloss kurz die Augen. Atmete ein. Atmete aus. Was man eben so macht, kurz bevor man merkt, dass man gerade aktiv erpresst wird und dabei nicht mal Hosen anhat. Als ich die Augen wieder öffnete, stand sie direkt vor mir. Zu nah. Viel zu nah. Ihre Finger glitten über meine Brust. Runter. Noch weiter. Blieben kurz stehen. Dann griff sie zu.

Fest. Nicht brutal. Nur — unmissverständlich.

Ich presste die Zähne zusammen. Sie grinste.

„Na los.“ Ihre Lippen ganz nah an meinem Ohr. Warm. Parfüm. Zigaretten. Zu viel von allem. „Komm schon.“

„Und wenn ich nein sage?“

Jetzt lachte sie. Leise. Ehrlich. Fast liebevoll.

„Dann bleibst Du eben nackt.“

Pause. Lange Pause.

Ich sah sie an. Dann meine Schlüssel. Dann wieder sie. Und irgendwo tief in mir meldete sich dieser kleine, dumme Teil meines männlichen Gehirns, der selbst in völliger Katastrophe noch dachte: Sie ist schon heiß.

Ich hasste diesen Teil. Wirklich.

Ich nickte. Ganz langsam. Ganz, ganz langsam.

Sie lächelte. So, wie Sieger lächeln. Nicht laut. Nicht groß. Nur sicher.

Dann nahm sie meine Hand. Und führte mich los.

Wie ein Kind.
Oder einen Gefangenen.
Oder beides.

Wir liefen den Flur entlang. Oder besser: sie lief. Ich wurde geführt. An der Hand. Nackt. Mitten in der Nacht. Wie ein überdimensioniertes Kleinkind mit mittelschwerer Lebenskrise. Irgendwo hinter einer der Türen hörte ich Kichern. Leise. Gedämpft. Dann noch eins. Dann Flüstern.

Natürlich.

Scheiße.

Durch die Durchgangstür. Raus. Fast bis auf die Straße. Die Nachtluft traf mich wie eine Ohrfeige. Kalt. Ehrlich. Fast wohltuend. Zum ersten Mal an diesem Abend hatte ich das Gefühl, dass wenigstens eine Sache echt war.

Linker Hand eine Haustür. Alt. Schweres Holz. Messinggriff. Sie schloss auf. Und ich trat hinter ihr in einen Hausflur, der aussah, als hätten die Sechzigerjahre hier angefangen — und nie wieder aufgehört.

Travertin. Ehemals weiß. Inzwischen eher nikotingelb. Brandflecken. Abgetretene Stufen. Mehrere Schichten Lack auf dem Geländer. Jede einzelne hässlicher als die davor.

Es roch nach kaltem Rauch. Putzmittel. Salmiak. Und Einsamkeit. Ein verdammt unterschätzter Geruch.

Sie führte mich die Treppe hoch. Eine Etage. Dann noch eine. Ihre Hand immer noch fest um meine. Nicht liebevoll. Nicht zärtlich. Eher — verwaltend. Als wäre ich inzwischen Teil ihres Besitzes.

Das Haus gehörte einem Spätaussiedler, sagte man. Polen oder Rumänien — Genaueres wusste niemand. Er kam unregelmäßig vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Die Leute kannten ihn nicht. Und sie verkannten auch, dass er ein durch und durch anständiger Kerl war. Regelmäßig in der Kirche. Kümmerte sich um seine Nachbarin — eine alte Dame in Günterstal, die allein lebte und sich oft einsam fühlte. Man spielte Karten. Löste Kreuzworträtsel.

Manchmal ist die Welt seltsam klein.

Oben blieb sie vor einer Wohnungstür stehen. Kramte nach ihrem Schlüssel. Schloss auf. Und eine Wolke schweren Parfums trat mir entgegen. An ihr war es ja schon klebrig gewesen — aber so konzentriert, auf einmal, aus dieser Tür heraus.

Erfroren sind schon viele. Erstunken noch niemand.

Ich trat ein. Es war schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Roter, abgelaufener Teppichboden mit merkwürdigen Flecken.

Du kannst die Jungs fragen — schoss es mir durch den Kopf. Und plötzlich wusste ich, wie sie das gemeint hatte.

Sie schob mich vor sich her. Raus aus der Diele, rein ins — nennen wir es — Schlafzimmer. Auch hier roter Teppichboden. Schwere, dunkle Vorhänge. Und als Blickfang: ein riesiges Bett. So groß, dass man darin entweder sehr glücklich — oder sehr vermisst werden konnte.

In der Ecke stand ein stummer Diener — behangen mit Reizwäsche in einer Vielfalt, die mich tatsächlich staunen ließ.

„Na, das Zeug macht Dich wohl so richtig scharf, was?“

Ich schloss die Augen. Versuchte mir vorzustellen, wie sie wohl darin aussähe. Ihre großen, ein wenig schlaffen Brüste, wie sie links und rechts aus einem roten Nichts herausquellen. Ihr fettiges Schamhaar, wie es durch den Stoff schimmert.

Ich beschloss, schnell an etwas anderes zu denken.

„Ich geh schnell für kleine Mädchen —“ Ihre Stimme direkt an meinem Ohr. Dann ihre Hand. Kurz. Wie beiläufig. Ein Griff. Ein Test. Ein Grinsen. „— und mach mich ein bisschen hübsch.“

Als wäre das noch nötig gewesen.

Sie trippelte zur Tür. Drehte sich noch einmal um. Ein kurzer Blick. Ein Lächeln. Dann nahm sie den Schlüssel. Hob ihn leicht an. Damit ich ihn auch ganz sicher sah.

„Wir wollen doch nicht, dass Du uns wegläufst.“

Klick.

Und dann war sie draußen. Ich stand da. Allein. Nackt. Mitten in einem Schlafzimmer, das aussah, als hätte jemand schlechte Entscheidungen tapeziert.

Ich hörte ihre Schritte im Flur. Dann Wasser. Irgendwo weiter hinten. Dann Stille. Ich stand einfach nur da. Und hörte meinen Puls. Dumpf. Schnell. Unangenehm ehrlich. Langsam ging ich zum Fenster. Schwere Vorhänge. Dahinter nur Dunkelheit. Ich zog leicht daran.

Vernagelt. Oder klemmten. Oder es gab einen Trick.

Natürlich. Vermutlich.

Ich drehte mich um. Sah das Bett. Den Teppich. Die Kommode. Den stummen Diener. Und zum ersten Mal an diesem Abend dachte ich nicht an Sex. Nicht an Frauen. Nicht an Sarah. Nicht mal an meine Würde. Sondern an Flucht. Ganz sachlich. Ganz nüchtern. Wie ein Buchhalter mit Trauma.

Tür? Abgeschlossen. Fenster? Tot. Telefon? Keins. Klamotten? Weg. Waffe?

Ich sah zum stummen Diener. Schwarze Spitze. Rote Spitze. Strümpfe. Seide. Ein Gürtel. Ein langer Strumpf. Ich nahm ihn in die Hand. Fühlte den Stoff zwischen den Fingern. Weich. Leicht.

Ich dachte an Mord und sah schon im Geiste die Schlagzeile: Mann von Frau zu Tode gevögelt.

Mord.

Der Gedanke war plötzlich da. Nicht laut. Nicht dramatisch. Einfach da. Ganz sachlich. Fast beruhigend. Ich könnte sie doch einfach umbringen. Vielleicht mit einem ihrer Strümpfe strangulieren — nein, das war nicht gut: zum einen hatte ich wenig Erfahrung im Strangulieren von Frauen und zum anderen war sie mir wahrscheinlich körperlich überlegen.

Und dann die Leiche. Was machte ich mit der Leiche? Die müsste ich irgendwie loswerden. Und ein Alibi bräuchte ich auch. Die Planung verlief schleppend. Ich seufzte. Legte den Strumpf zurück.

„Zu kompliziert.“

Genau in dem Moment hörte ich den Schlüssel. Klick. Einmal. Dann noch einmal. Ganz langsam. Als würde sie genau wissen, was dieses Geräusch mit mir machte. Ich ließ den Strumpf los. Etwas zu schnell. Etwas zu schuldbewusst. Wie ein Zwölfjähriger, der beim Schnapsklauen erwischt wird.

Die Tür ging auf.

Und sie stand da. Im Türrahmen. Fast nichts mehr an. Nur dieses schwarze, durchsichtige Negligé aus Chiffon. Zu wenig Stoff für echte Kleidung. Zu viel Stoff für ehrliche Absichten. Sie lehnte sich an den Rahmen. Sah mich an. Dann den stummen Diener. Dann wieder mich.

„Na — geilst Du Dich an meinen Sachen auf?“

„Nein.“

Sie hob eine Augenbraue. Dann dieses Grinsen.

„Natürlich nicht.“

Sie schloss die Tür. Klick. Langsam kam sie auf mich zu. Barfuß. Lautlos. Was irgendwie deutlich beunruhigender war als ihre Absätze. Ihre Augen. Zu groß. Ihr Mund. Zu rot. Ihr Parfum. Zu süß. Ihre Nähe. Einfach zu viel. Von allem.

Und ich? Ich fühlte mich wieder so schlecht.

Sie blieb direkt vor mir stehen. Sah kurz nach unten. Dann wieder hoch. Dieses wissende Lächeln.

„Nimm mich — hier auf dem Boden.“

Und ich fühlte, dass es mal wieder einer von diesen Tagen war.

Sie zog mich an meinem Schwanz zu sich herunter. „Sein Zustand ist nicht der Beste. Aber ich krieg das schon hin — ich hab da so meine Tricks.“

„Ich glaub, er kann einfach nicht mehr“, sagte ich. Und hoffte, sie würde darauf eingehen.

„Ich hab’s Dir vorhin gesagt: wir haben einen Deal. Ich krieg Dich — und Du Deine Sachen. Nur so läuft das.“ Kurze Pause. „Und wenn Du die ganze Nacht dazu brauchst.“

Alles, alles, nur das wollte ich nicht. Ich gab mir redlich Mühe, an etwas Erotisches zu denken. Geiles, meinetwegen. Irgendetwas. Als sie mit ihrer Hand an mir rumfummelte. Es nützte nichts. Mein bester Freund blieb klein und knautschig. Ich konnte es ihm nicht übel nehmen. Ich hatte auch keine Lust mit dieser Frau zu schlafen.

„Moment — ich hab da was.“

Sie sprang auf. Ging zur Kommode neben dem Bett. Öffnete die oberste Schublade. Nahm eine Tube heraus.

Mir schwante Böses.

Leicht ächzend ließ sie sich zu mir runter, griff sich mein bestes Stück und cremte es mit dieser Salbe ein. Sie massierte mich. Erst langsam. Dann rhythmischer. Irgendwie gut. Anregend. Fast erregend. Mir schwante schon wieder Böses. Und richtig: Es wurde merkwürdig warm untenrum. Aus meinem kleinen Freund wurde ein prächtiges Bürschchen. Verräter.

„Na siehst Du — hab ich’s doch gesagt, dass ich es hinkriege.“ Sie ging in die Hocke. „So. Jetzt nimm mich. Mach’s mir. Und mach’s mir hart.“

Ich kniete mich hinter sie. Fühlte mich miserabel. Dachte, dass es mal wieder einer von diesen Tagen sei. Ich wollte mich gerade seelisch und moralisch — soweit man in dieser Situation davon sprechen konnte — auf das Bevorstehende vorbereiten, als sie sich bereits mein Glied gegriffen hatte und es langsam und genüsslich in sich hineinsog.

Ich fühlte mich wie eine knackige Wurst in einem alten, schlaffen Brötchen.

Wenn sie jetzt noch schmatzen würde, könnte ich es fast glauben.

„Stoß mich! Gib’s mir!“

Mir war nach allem Möglichen und Unmöglichen zumute. Aber ganz bestimmt nicht danach, die Barmieze zu „stoßen“. Und wie sie sich vor mir mehr oder weniger rhythmisch bewegte und sich dabei in ein keuchendes Stöhnen verstieg, war ich wieder ganz bei mir selbst.

Einen Moment lang versuchte ich mich davon zu überzeugen, dass es mir doch irgendwo Spaß machte. Dann versuchte ich mir klarzumachen, wie sinnvoll es sei, das Beste daraus zu machen. Und wenn das schon nicht funktionierte — es wenigstens nicht zu eng zu sehen.

Durch eine abrupte Bewegung wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.

Die Barmieze warf mich seitwärts um. Kletterte über mich.

„Ah — Liebling! Ah, ich brauch es so sehr. Ich will Dich jetzt. Ich will auf Dir reiten. Ich will, dass Du mir den Hengst machst. Ich will Dich reiten. Jetzt.“

Ich lag unter ihr. Versuchte, ihr nicht ins Gesicht zu sehen. Schloss die Augen.

Sah trotzdem dieses Bild. Ihre großen Brüste, die wie Glocken an ihr hingen und gleichmäßig hin und her schwangen.

Unweigerlich musste ich an Milch und Schlagsahne denken.

„Jetzt hören wir auf zu denken.“

Ich wusste: das war genau der Moment, in dem ich hätte gehen sollen.

Wenn ich noch Hosen gehabt hätte.

Sie schob mich aufs Bett. Fast zärtlich. Was die Sache keinen Deut besser machte. Ich ließ mich nach hinten fallen. Die Matratze gab nach. Zu weich. Zu warm. Zu benutzt.

Ich starrte an die Decke. Wasserflecken. Ein kleiner Riss im Putz.

Und genau in diesem Moment dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich vielleicht einfach tot war. Nicht metaphorisch. Ganz praktisch. Vielleicht war ich irgendwann in dieser Bar umgekippt. Herzinfarkt. Alkoholvergiftung. Irgendwas. Und das hier war jetzt die Vorhölle. Persönlich auf mich zugeschnitten. Mit rotem Teppich. Zu viel Parfum. Und einer Frau, die beruflich Männer zerlegte.

„Wo bist Du gerade?“ Ihre Stimme direkt über mir. Sie saß auf mir. Sah runter. Grinste. 

„Nicht hier.“ Ich schluckte.

„Doch.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Körperlich ja.“ Pause. Dann tippte sie mir mit dem Finger gegen die Stirn. Ganz leicht. „Hier oben bist Du meilenweit weg.“

Ich hasste es, wenn Frauen recht hatten. Noch mehr hasste ich es, wenn sie es wussten.

Ich sah sie an. Zum ersten Mal ohne Ausweichmanöver. Ohne Ironie. Nur einen Moment. Und für diesen einen verdammten Moment war da plötzlich nichts Mechanisches mehr. Keine Rolle. Keine Masche. Keine Barmieze. Nur sie. Und irgendetwas, das aussah wie Müdigkeit. Tief. Alt. Fast vertraut. Dann war es wieder weg. Ein Wimpernschlag. Mehr nicht.

Sie lächelte. Fast traurig.

„Da bist Du ja.“

Und genau in diesem Moment wurde mir klar: das Problem an diesem Abend war längst nicht mehr, dass ich meine Klamotten verloren hatte. Das Problem war – dass ich langsam aufhörte, mich selbst zu belügen.

Ich hielt ihren Blick. Zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. Nicht auf ihre Beine. Nicht auf ihren Mund. In ihre Augen. Und plötzlich war da etwas. Ganz kurz. Keine Härte. Keine Routine. Keine kalkulierte Verführung. Eher Erschöpfung. Fast vertraut.

Sie bemerkte meinen Blick sofort. Natürlich bemerkte sie ihn. Frauen wie sie bemerkten alles. Ihr Lächeln blieb. Aber es wurde kleiner. Fast unsicher. Nur für einen Moment. Dann griff sie nach meinem Kinn. Drehte mein Gesicht leicht zu sich.

„Hör auf.“

Leise gesagt. Fast freundlich.

„Womit?“

Sie atmete aus. Sah mich an. Direkt. Ohne Spiel. Ohne Maske.

„Mich anzuschauen, als könntest Du mich sehen.“

Der Satz traf. Nicht hart. Schlimmer. Präzise. Wie ein Messer, das genau wusste, wohin.

Ich sagte nichts. Konnte ich auch nicht. Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte ich keine Pointe. Keinen Spruch. Keinen Schutz. Nichts.

Sie hielt meinen Blick noch einen Moment. Dann lächelte sie wieder. Und das alte Lächeln war zurück. Die Rolle. Die Kontrolle. Der Schutz. „Das macht alles nur kompliziert.“

Sie glitt langsam von mir runter. Stand auf. Ging zum Fenster. Zog den Vorhang ein Stück auf. Draußen lag die Stadt. Schwarz. Still. Ein paar Lichter. Mehr nicht.

Sie stand da. Mit dem Rücken zu mir.

„Die meisten Männer wollen nur ficken.“

Pause.

„Du bist anstrengender.“

Ich setzte mich langsam auf. Die Bettkante ächzte. Passend.

„Ist das gut … oder schlecht?“

Sie lachte. Leise. Ohne sich umzudrehen.

„Das entscheide ich noch.“

Irgendwo draußen Kirchenglocken. Drei Schläge. Vielleicht vier. Keine Ahnung. Ich wusste nur: es war längst später geworden als dieser Abend jemals hätte werden dürfen.

Sie stand immer noch am Fenster. Den Rücken zu mir. Eine Hand am Vorhang. Die andere locker an der Hüfte. Draußen irgendwo ein Auto. Dann Stille. Diese tiefe, ehrliche Stille nach drei Uhr morgens. Die Sorte Stille, in der Menschen entweder die Wahrheit sagen – oder Dinge tun, die sie später leugnen.

Ich saß auf der Bettkante. Nackt. Verfroren. Überfordert. Und zum ersten Mal an diesem Abend erstaunlich nüchtern.

„Wie heißt Du eigentlich?“

Die Frage war raus, bevor ich darüber nachdenken konnte. Sie bewegte sich nicht. Nicht mal die Schultern. Nur ein kurzes Ausatmen. Dann:

„Das willst Du gar nicht wissen.“

„Warum nicht?“

Jetzt drehte sie langsam den Kopf. Nur ein Stück. Genug, dass ich ihr Profil sehen konnte.

„Weil Namen alles kaputt machen.“

Ich musste grinsen.

„Das ist Quatsch.“

Sie lachte. Leise. Trocken. Fast bitter. Dann drehte sie sich ganz zu mir um. Lehnte sich ans Fensterbrett. Verschränkte die Arme. Und sah mich an. Lange. Zu lange.

„Nein.“

Pause.

„Quatsch ist, wenn Männer glauben, sie könnten einen Menschen verstehen, nur weil sie seinen Namen kennen.“

Treffer. Versenkt.

Ich nickte langsam. Nicht weil ich zustimmte. Sondern weil ich gerade keine bessere Verteidigung hatte. Sie sah das natürlich. Und grinste. Ganz leicht.

„Da ist er wieder.“

„Wer?“

Sie deutete mit dem Kinn auf mich.

„Der Typ in Deinem Kopf.“

Ich musste lachen. Wirklich lachen. Zum ersten Mal an diesem Abend. Kurz. Trocken. Ehrlich.

„Der wohnt da leider dauerhaft.“

Jetzt lächelte sie. Nicht gespielt. Nicht professionell. Nicht berechnend. Ein echtes Lächeln. Klein. Fast schüchtern.

Und genau das war mit Abstand das Gefährlichste an dieser Frau.

Sie kam langsam zurück zum Bett. Setzte sich neben mich. Nicht zu nah. Nicht zu weit weg. Genau dazwischen.

„Dann erzähl mir was von ihm.“

Ich wusste sofort: das hier würde deutlich schlimmer werden als Sex.

Ich saß da. Nackt. Auf einem viel zu roten Bett. Neben einer Frau, deren Namen ich nicht kannte. Die mich gerade aufgefordert hatte, von mir zu erzählen. Ganz ehrlich? Ich wäre lieber noch mal nackt durch die Bar gelaufen.

Sie saß neben mir. Ruhig. Geduldig. Keine Spielchen. Kein Grinsen. Keine Hand an meinem Bein. Nichts. Nur diese verdammte Ruhe.

„Na?“

Leise. Fast freundlich.

Ich fuhr mir durchs Haar. Was albern war, weil meine Haare ungefähr genauso fertig aussahen wie ich.

„Was willst Du denn hören?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Das, was Du sonst niemandem erzählst.“

Ich lachte. Kurz. Trocken. Abwehrreflex.

„Das ist eine ziemlich beschissene Geschäftsidee.“

Jetzt grinste sie. Ganz leicht.

„Vielleicht arbeite ich deshalb nicht im Vertrieb.“

Ich musste wieder grinsen. Wider Willen. Dann wurde es still. Wieder. Dieses gefährliche Stil. Ich sah auf meine Hände. Dann auf den Teppich. Dann irgendwo gegen die Wand. Nur nicht zu ihr.

„Ich war mal verliebt.“

Der Satz kam einfach raus. Ohne Plan. Ohne Vorbereitung. Ohne Genehmigung. Ich hörte ihn selbst – und hätte ihn am liebsten sofort wieder eingefangen. Zu spät.

Sie sagte nichts. Nicht mal Mhm. Gar nichts. Nur da sein. Nur zuhören. Verdammt professionelle Technik.

„So richtig?“

Pause. Ich schluckte.

„Mit allem.“

Noch eine Pause.

„Mit Zukunft.“

Sie bewegte sich nicht. Kein Kommentar. Kein Mitleid. Nichts. Und genau deshalb redete ich weiter.

„Wohnung.“

Pause.

„Urlaube.“

Pause.

„Kindernamen.“

Ich lachte leise. Ohne Humor.

„Sogar über fucking Küchengardinen.“

Jetzt sah ich zu ihr. Sie schaute mich einfach nur an. Keine Ironie. Kein Spiel. Nur Aufmerksamkeit. Fast unerträglich.

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Und weißt Du, was das Schlimmste war?“

Sie antwortete nicht. Musste sie auch nicht. Ich atmete langsam aus. Dann sah ich sie direkt an. Und sagte:

„Nicht, dass sie gegangen ist.“

Pause. Noch eine. Dann: „Sondern dass ich bis heute nicht weiß … wann sie aufgehört hat, mich zu lieben.“

Und irgendwo draußen wurde es langsam hell.

Sie sagte lange nichts. Wirklich lange. Nicht dieses höfliche Schweigen, das Menschen einsetzen, wenn sie überlegen, was sie als Nächstes sagen sollen. Echtes Schweigen. Das selten geworden ist.

Draußen fuhr irgendwo ein Lieferwagen vorbei. Ein Vogel. Der erste. Irgendwo zwischen Häusern. Dann wieder Stille. Sie saß neben mir. Den Blick auf meine Hände. Nicht auf mich. Nicht direkt. Was irgendwie noch intimer war.

„Wie hieß sie?“

Ganz leise.

Ich lächelte müde. Und schüttelte den Kopf.

„Du hast doch selbst gesagt, Namen machen alles kaputt.“

Zum ersten Mal an diesem Abend wurde sie verlegen. Nicht viel. Nur ein kaum sichtbares Zucken um ihren Mund. Dann nickte sie. Langsam.

„Stimmt.“

Sie zog die Beine an. Schlang die Arme darum. Plötzlich wirkte sie jünger. Kleiner. Fast verloren. Nicht mehr wie die Frau aus dem Flur. Nicht wie die Barmieze. Einfach nur ein Mensch.

„Und seitdem?“

Ich zuckte mit den Schultern. Sah auf meine Füße. Dann auf den roten Teppich. Dann ins Nichts.

„Seitdem rede ich viel.“

Pause.

„Mach Witze.“

Pause.

„Fick Frauen, die ich nicht kenne.“ Ich grinste schief. Ohne Stolz. „Und tu so, als wär alles okay.“

Sie nickte. Keine Überraschung. Kein Urteil. Nur dieses langsame, verdammt ehrliche Nicken. Als hätte sie genau das längst gewusst. Dann sah sie mich an. Direkt. Ohne Maske. Ohne Spiel.

„Und?“

Pause.

Ganz kurz.

Dann: „Funktioniert’s?“

Ich sah sie an. Dann das Fenster. Dann das erste blasse Licht zwischen den Häusern. Und musste lachen. Leise. Müde. Fast freundlich. Dann schüttelte ich langsam den Kopf.

„Nein.“

Pause.

Noch eine.

Dann: „Aber manchmal …“

Ich grinste schief. „… reicht’s bis morgens.“

Sie lächelte.

Und zum ersten Mal an diesem Abend war da nichts Professionelles mehr zwischen uns. Nur zwei Menschen. Und ein ziemlich beschissener Sonnenaufgang.

Wir saßen einfach da. Nebeneinander. Nackt. Müde. Still. Draußen wurde der Himmel langsam heller. Dieses schmutzige Grau kurz vor Sonnenaufgang. Die Stunde, in der Städte aussehen, als würden sie sich für die Nacht schämen.

Irgendwo unten eine Straßenbahn. Dann noch eine. Ein Lieferwagen. Eine zufallende Haustür. Das Leben fing wieder an. Als wäre nichts gewesen.

Sie saß neben mir. Die Knie angezogen. Das Kinn darauf. Und schaute aus dem Fenster. Ich schaute sie an. Was sie natürlich bemerkte. Ohne hinzusehen, sagte sie:

„Damit solltest Du vorsichtig sein.“

„Womit?“

Jetzt drehte sie langsam den Kopf. Sah mich an. Dieses kleine, müde Lächeln.

„Mit dem Anschauen.“

Ich grinste.

„Du meinst, ich verlieb mich noch?“

Sie lachte. Kurz. Trocken. Fast traurig. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nein.“

Pause.

„Ich meine …“ Sie sah wieder hinaus. „… ich vielleicht.“

Da war er wieder. Dieser Moment. Dieses kleine, fast unsichtbare Kippen von irgendetwas. Ein Satz. Nur ein Satz. Und plötzlich war der ganze verdammte Abend nicht mehr lustig. Nicht schräg. Nicht absurd. Nicht mal peinlich. Plötzlich war er einfach nur echt.

Ich sagte nichts. Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte ich keine Pointe. Keinen Spruch. Keinen Schutz. Nichts. Nur diesen dämlichen, viel zu schnellen Puls.

Sie bemerkte das natürlich.

Sie stand langsam auf. Ging zur Kommode. Öffnete die oberste Schublade. Nahm meinen Geldbeutel. Meine Schlüssel. Mein Hemd. Meine Hose. Drehte sich um. Und warf mir alles kommentarlos aufs Bett.

„Zieh Dich an.“

Ich blinzelte.

„Das war’s?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Was dachtest Du denn?“

Ich sah auf meine Sachen. Dann zu ihr. Dann wieder auf meine Sachen. Und ganz ehrlich? Ich wusste es nicht. Keinen verdammten blassen Schimmer.

Sie lächelte. Ganz klein. Fast freundlich.

„Mach’s nicht kaputt.“

„Was denn?“

Sie öffnete die Tür. Ohne mich anzusehen.

„Dass Du heute Nacht einmal ehrlich warst.“

Ich blieb noch einen Moment sitzen. Mit meinen Klamotten auf dem Schoß. Und diesem Satz im Kopf.

Mach’s nicht kaputt.

Als wäre da irgendetwas entstanden. Als hätte man in dieser Nacht etwas gebaut. Oder freigelegt. Oder versehentlich gefunden.

Ich zog mich an. Langsam. Ohne Eile.

Unterhose. Hose. Hemd. Socken. Schuhe.

Jede einzelne Bewegung fühlte sich an, als würde ich wieder jemand werden. Der Typ von vorher. Der mit Wohnung. Mit Autoschlüssel. Mit Geldbeutel. Mit Ironie. Mit Ausreden. Mit Haltung. Oder wenigstens mit dem Versuch davon.

Als ich fertig war, stand sie an der Tür. Eine Hand an der Klinke. Das schwarze Negligé halb offen. Barfuß. Zerzauste Haare. Müde Augen. Und plötzlich sah sie überhaupt nicht mehr gefährlich aus. Das machte es irgendwie nur schlimmer.

Ich trat auf sie zu. Blieb vielleicht einen Meter vor ihr stehen. Nah genug. Nicht zu nah. Man lernt ja.

„Und jetzt?“

Sie lächelte. Ganz klein. Fast unsichtbar.

„Jetzt gehst Du.“

„Und wenn ich bleibe?“

Sie sah mich an. Lange. Zu lange. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Dann machst Du genau das …“ Pause. Ein Atemzug. „… was Männer immer machen.“

Ich wollte etwas sagen. Irgendwas. Irgendeine Pointe. Irgendwas Kluges. Aber nichts kam. Gar nichts.

Sie öffnete die Tür.

Der kalte Hausflur lag vor mir. Travertin. Nikotin. Morgenluft. Realität. Ich ging einen Schritt. Dann noch einen. Dann blieb ich stehen. Drehte mich noch einmal um.

„Hey …“

Sie sah mich an. Wartete.

„Wie heißt Du?“

Da war dieses Lächeln wieder. Dieses kleine. Traurige. Fast echte.

„Frag lieber nicht.“

Und schloss die Tür. Klick.

Ich stand im Treppenhaus. Voll angezogen. Mit meinen Schlüsseln in der Hand. Und fühlte mich plötzlich nackter als die ganze verdammte Nacht zuvor.