Es war Donnerstag Nacht auf meinem kleinen, blauen Planeten, der einsam und still durch das Weltall schwebte. Irgendwo gingen vermutlich gerade Menschen schlafen, machten Kinder oder stritten über Mülltrennung. Ich schlich durch Freiburg. Die Hände in den Taschen, den Kragen hochgeschlagen, das Hirn auf Betriebstemperatur — und das bei einer schlicht nicht vorhandenen Außentemperatur.

„Passt.“, sagte ich zum Licht des Mondes und dachte über den Tod nach. Manchmal spielt einem das Leben schon übel mit.

Kalt.

Nicht draußen. Drinnen.

Manchmal reicht ein einziges Gesicht, um Dir da oben den Laden komplett durcheinanderzubringen. Dieses Mädchen. Diese braunen Augen. Dieses Grinsen. Ich wusste nicht, wer sie war. Nicht, wie sie hieß. Nicht, wo sie wohnte.

Ich wusste nur, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

Und das war unerquicklich.

Also zog ich von Kneipe zu Kneipe. Trank hier ein Bier, dort einen Whiskey und tat überall so, als wäre ich freiwillig da. War ich nicht. Ich war auf der Suche. Nicht nach ihr — redete ich mir jedenfalls ein. Die Nacht zog vorbei wie eine schlecht bezahlte Statistin, und irgendwann stand ich wieder vor dieser Bar. Ausgerechnet. Dem Ort meiner kleinen persönlichen Peinlichkeit.

Na los, Du Held.

Ich ging trotzdem nicht rein.

Stattdessen lief ich weiter. Block um Block. Straße um Straße. Wie ein Idiot, der glaubt, durch Bewegung würden Gedanken langsamer. Werden sie nicht. Das lernt man mit der Zeit — nur leider immer wieder neu.

Zu Hause ließ ich mich aufs Sofa fallen.

Mein Platz. Mein Glas. Mein kleiner, sauber eingerichteter Selbstbetrug. Ich schenkte mir ein. Dann noch einen. Und begann, über mich nachzudenken. Großer Fehler.

Und unterm Strich — was bist Du eigentlich?

Keine Antwort.

Na schön. Dann wenigstens: wer?

Wieder nichts. Nur das Ticken der Uhr und mein eigenes Ego, das geschniegelt in der Ecke saß und wieder einmal so tat, als hätte es alles im Griff. Ich war nicht so cool, wie ich gerne wäre. Nicht so erfolgreich. Nicht so unabhängig. Und ganz sicher nicht so abgebrüht, wie ich mich gern verkauft hatte. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Ein kleines Tässchen Selbstbetrug. Warm. Süß. Und meistens nur gut bis zum nächsten Morgen.

Gerade als ich begann, mich in gepflegtem Selbstmitleid einzurichten — klingelte das Telefon.

Natürlich.

Wie in einem schlechten amerikanischen Film. Ich grinste, hob ab.

Tom.

Es gibt Menschen, die rufen genau dann an, wenn Du gerade dabei bist, Dich entweder selbst zu finden oder endgültig zu verlieren. Tom gehörte zur zweiten Kategorie. Er lachte dieses selbstzufriedene, leicht versoffene Lachen, das irgendwo zwischen Charme und Körperverletzung lag, und fragte, ob ich mich noch an gestern erinnere.

Als ob ich das vergessen könnte.

Ich sagte nichts. Nur dieses kleine Schweigen. Das reichte.

„Aha“, grinste er hörbar. „Also doch.“

Ich lehnte mich zurück und starrte an die Decke. An den kleinen Fleck über dem Bücherregal, den ich seit Wochen ignorierte — so wie ein paar andere Dinge in meinem Leben. Tom hatte mich in dem Laden verschwinden sehen. Natürlich hatte er das. Tom sah immer alles, vor allem Dinge, die ihn eigentlich nichts angingen, und er tat das mit einer Konsequenz, die ich insgeheim bewunderte und gleichzeitig verabscheute.

„Du lügst zu schlecht“, sagte er.

Mist. Ich schenkte nach — nur ein bisschen, wurde natürlich mehr — und fing an zu erzählen. Und während ich erzählte, war ich plötzlich wieder dort. Wieder in diesem Laden. Wieder zwischen Biergeruch, billigem Parfüm und zu lauter Musik. Wieder auf dem Weg zum Ausgang.

***

Tom und ich — wir gingen immer wieder dorthin. Ein Club. Jedes Mal mit dem stillen Vorsatz, diesmal garantiert nicht wieder bis drei Uhr morgens irgendwelchen Frauen hinterherzuschauen, die uns ohnehin nicht bemerkten. Hat natürlich nicht funktioniert. Tut es nie. Wir standen da, Corona in der Hand, dumme Sprüche auf den Lippen. Ich verabschiedete mich irgendwann. Klopfte ihm auf die Schulter, so wie Männer das eben tun, wenn sie sich nichts zu sagen haben, und ging. Rechts um die Ecke, Richtung Ausgang.

Und genau da — spürte ich es.

Du kennst das. Dieses kleine Zucken im Nacken. Als würde Dich jemand ansehen. Nicht flüchtig, nicht zufällig, sondern richtig.

Ich drehte mich um.

Braune Augen. Die schönsten braunen Augen, die ich bis dahin gesehen hatte — und in diesem Moment war plötzlich alles wieder möglich.

Da stand sie. Keine zehn Meter entfernt. An die Wand gelehnt, ein Bein leicht angewinkelt, die Arme vor der Brust verschränkt und dieses Grinsen — dieses verdammte Grinsen. So eines, bei dem Du sofort weißt: Die Frau hat Dich längst gelesen. Komplett. Mit Inhaltsverzeichnis. 

Sie hatte ein gleichmäßiges Gesicht, dunkle Haare, einen warmen Teint, diese Art von Schönheit, die nicht laut sein muss, weil sie es schlicht nicht nötig hat. Manche Frauen tragen Kleider. Andere tragen Haltung. Sie gehörte zur zweiten Sorte. Sie merkte, dass ich sie anstarrte, und sie lachte — einfach so, nicht gehässig, nicht freundlich, eher amüsiert, als wäre ich gerade Teil einer Situation, deren Ausgang sie schon kannte.

Ich hatte mir diesen Moment hundertmal ausgemalt. Wie ich cool bleibe. Locker. Charmant. Ein bisschen George Clooney, ein bisschen James Dean, ein bisschen Arschloch. Was wirklich rauskam, war: „Hi.“

Sie grinste. „Hi.“

„Hi.“ Wieder ich.

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Aber das hatten wir schon.“

Ich hätte in diesem Moment problemlos tot umfallen können. Wäre vermutlich würdevoller gewesen. Sie sagte, ich könnte mich wenigstens vorstellen, und ich räusperte mich, nannte meinen Namen. Und sie? Musterte mich von oben bis unten, ganz langsam. Dann streckte sie mir die Hand entgegen. Warm. Weich. Viel zu selbstverständlich.

„Ich bin Marie.“

Natürlich bist Du das. Als hätte sie keinen anderen Namen haben können.

Ich fragte sie, ob ich sie auf was einladen dürfe. Sie schüttelte den Kopf — einfach so, keine Erklärung, keine Entschuldigung, nur nein — und komischerweise fand ich genau das ziemlich gut. Also suchte ich verzweifelt nach irgendetwas Intelligenterem als Hi und fragte sie im nächsten Atemzug, ob sie an Gott glaube. Noch bevor der Satz ganz draußen war, wusste ich: Das wird entweder grandios oder mein sozialer Tod.

Sie schaute mich an. Lange. Nicht irritiert, nicht überrascht, eher so, als würde sie überlegen, ob ich bescheuert bin — oder interessant. Beides war möglich. Dann dieses langsame, leicht schräge Grinsen.

„Ja. Wozu willst Du das wissen?“

„Nur so. Glaubst Du an die Liebe?“

Sie musterte mich. „Liebe ist was für Romantiker.“

„Und — bist Du romantisch?“

„Manchmal.“

Das Eis war gebrochen, und zum ersten Mal an diesem Abend spürte ich so etwas wie Entspannung. So wie man die Sehne vom Bogen nimmt. 

„Stellst Du immer solche Fragen?“

„Nur wenn ich romantisch bin.“

„Und? Bist Du es jetzt?“ Ihr Blick war direkt, ein bisschen herausfordernd, gerade auf mich.

„Ja.“ Heute ist kein 3er-Tag.

„Gut – dann komm.“

Ich folgte ihr. Mit diesem bemüht lässigen Gang, den Männer draufhaben, wenn sie glauben, dass sie alles gerade steuern und es so läuft wie sie es glauben. Was natürlich kompletter Unsinn ist – Männer haben da genau keine Karten im Spiel. Exakt null. Zero. So auch ich. Ich hatte überhaupt nichts unter Kontrolle. Nicht meinen Puls, nicht meine Gedanken, und ganz sicher nicht die Bilder, die bereits wie ungefragte Werbespots durch meinen Kopf liefen. Sie ging vor mir. Ruhig. Selbstverständlich. Kein Blick zurück. 

Sie wusste, dass ich hinterherkommen würde. 

Das Schlimmste daran: Sie hatte recht.

Irgendwann blieb sie vor einem kleinen weißen Fiat Panda stehen. Ich musste grinsen — nicht wegen des Autos. Sie setzte sich ans Steuer. Ich daneben, wie ein Teenager beim ersten Date, krampfhaft bemüht, nicht wie ein Teenager beim ersten Date auszusehen. 

Draußen glitten die Lichter vorbei — gelb, weiß, rot — und drinnen roch es nach Leder, Parfüm und irgendetwas, das ich später noch oft mit ihr verbinden sollte. Kein Wort zwischen uns. Und seltsamerweise fühlte sich genau dieses Schweigen vollkommen richtig an. Momente, um mit dem Verstehen hinterherzukommen. Fühlen. Nähe. Beginnende Lust. Kopfkino ohne die klebrige Soße von schmutzigen Tagträumen. Pulsschlag und ein Herz zum Zerspringen.

***

Altbau. Gute Gegend. Nicht protzig, aber mit Stil. So wie sie. Ich folgte ihr die Treppe hoch — hohe Decken, abgetretene Stufen, dieses dumpfe Echo von Schuhsohlen auf altem Holz — und dann stand sie vor ihrer Tür und drehte sich kurz zu mir um, nur einen Moment, und sagte: „Komm rein.“

Ich trat ein. Musste grinsen. Respekt. Warme Farben, dunkles Holz, ein paar Bücher, ein großes Bild an der Wand, Kerzen. Whiskey. Den bemerkte ich zuerst, was vermutlich mehr über mich sagte als über sie.

Sie verschwand kurz in der Küche. Ich hörte Gläser, Eiswürfel, das leise Klirren von Flaschen, und saß auf einem tiefen Ledersofa, das so aussah, als hätte man darin entweder großartige Gespräche geführt oder ganz schlechte Entscheidungen getroffen — wahrscheinlich beides. Ich wusste plötzlich nicht, wohin mit meinen Händen. Sie kam zurück, zwei Gläser, ein kurzer Blick, stellte mir eines hin.

Whiskey. Pur. Kein Eis.
Nur für sie.

Ich musste lachen. Sie fragte, was. Ich sagte nichts und hob das Glas: „Ich beginne, Dich zu mögen.“

Sie setzte sich mir gegenüber, schlug die Beine übereinander – in Zeitlupe. Nahm einen Schluck und schaute mich über den Glasrand hinweg an. Schwieg. Wieder dieses Schweigen — aber diesmal schwerer, näher, gefährlicher. Verführerisch. 

„Also…,“ sagte sie schließlich. „Ich glaube an Gott.“ 

Ich grinste: „Offenbar.“ 

Sie nickte. „Und an die Liebe.“ 

Ich hob die Schultern. „Ab heute wieder.“

Sie lächelte. Nicht dieses Grinsen, nicht dieses Spiel, sondern etwas anderes — kleiner, echter — und genau in diesem Moment wusste ich: Das hier könnte mir noch ziemlich wehtun. Oder ziemlich guttun. Wahrscheinlich beides. Und meistens ist genau das dasselbe.

Sie stellte ihr Glas ab. Ganz langsam. Die Zeit spielte für sie. Lehnte sich zurück und schlug die Beine noch ein kleines Stück weiter übereinander. Absichtlich. Natürlich absichtlich. Was sonst? Sie sah mich an. Nicht flirtend, nicht schüchtern, eher prüfend. Wie ein Mensch, der nicht wissen will, wie Du aussiehst, sondern was passiert, wenn man Dir den Boden unter den Füßen wegzieht.

„Also.“ Sie ließ das Wort einen Moment im Raum stehen. „Wer bist Du?“

Drei Wörter. Und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, sie hätte mir mit einem Skalpell die Brust geöffnet. Ich nahm einen Schluck — Zeit gewinnen, klassischer Anfängerfehler. Sie grinste sofort. 

„Interessiert Dich das wirklich?“

„Ich frage nicht aus Höflichkeit.“

„Das glaube ich Dir.“

Wir schwiegen.

Sie stand auf, lief langsam zum Fenster, sah hinaus in die Nacht und zählte an ihren Fingern ab: „Weißt Du — die meisten Männer erzählen mir ziemlich schnell, was sie haben. Auto, Job, Status.“ Sie ließ die Hand langsam sinken. „Aber fast keiner erzählt mir, wer er wirklich ist.“

Ein Auto fuhr vorbei. Irgendwo bellte ein Hund. Jemand lachte auf der Straße. Und ich saß da mit einem Glas Whiskey in der Hand und hatte mit einem Mal keine einzige gute Antwort mehr. Nur Ehrlichkeit. Und das war deutlich schwerer. 

Ich stellte das Glas ab, sah sie an. „Ganz ehrlich? Im Moment hab‘ ich keine Ahnung.“

Kein Grinsen. Sie lächelte. Ganz leicht, fast unmerklich, aber echt. „Endlich.“ Mehr nicht. Nur dieses eine Wort — als hätte sie den ganzen Abend auf genau diesen Satz gewartet.

Sie kam zurück vom Fenster, setzte sich diesmal nicht mir gegenüber, sondern neben mich. Nah genug, dass ich ihr Parfüm wieder roch — warm, dunkel, ein bisschen Holz, ein bisschen Gefahr. Irgendwo zwischen Vernunft und Pawlow’schem Hund entschied mein Körper, wer hier das Sagen hatte. Nicht ich.

Sie nahm ihr Glas, trank einen kleinen Schluck und schaute mich von der Seite an.

„Warum hörst Du nicht damit auf, so viel zu denken?“ 

„Denken ist billiger als Fühlen.“ 

Sie nickte langsam. „Das war gut.“

„Leider nicht geplant.“

„Die besten Sachen sind nie geplant.“

Sie nahm mir das Glas aus der Hand. Einfach so. Als hätte sie jedes Recht dazu. Stellte es auf den Tisch, und ich ließ es geschehen, was vermutlich mehr über mich aussagte als mir lieb war.

„Aufstehen.“

Ich blinzelte. Sie sagte es nochmal, klar und ruhig und vollkommen selbstverständlich, und das Verrückte: ich stand auf. Ohne Spruch, ohne Verzögerung. Sie auch. Wir standen uns gegenüber, keine zwanzig Zentimeter, vielleicht weniger, ich roch ihr Parfüm, hörte meinen Puls, draußen fuhr noch ein Auto vorbei als wäre diese Nacht ganz normal. 

War sie nicht.

***

Sie hob langsam die Hand. Legte zwei Finger an mein Kinn. Nicht zärtlich, nicht hart — eher bestimmend. Hob mein Gesicht ein kleines Stück an. „Hey.“ Ich sagte nichts, konnte auch nicht, weil mir in genau diesem Moment auffiel, dass ich den ganzen Abend versucht hatte, Eindruck auf sie zu machen — während sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hatte, dass ich aufhöre, jemand zu sein. Und endlich ich werde.

„Scheiße.“

Ich hatte das nicht sagen sollen. Aber manchmal suchen sich Gedanken ihren eigenen Ausgang. Sie hörte es. Lächelte — nicht süffisant, nicht überlegen, eher wissend. 

„Ja“, sagte sie leise. „Ungefähr das.“ 

Ihre Finger lagen noch immer an meinem Kinn. Warm. Ruhig. Kein Zittern. Mein Herz hätte vermutlich jeder Kardiologe als interessantes Studienobjekt eingestuft.

Sie ließ los. Ganz langsam. Als würde sie testen, ob ich ihr trotzdem folgen würde — nicht mit den Füßen, sondern mit allem anderen. 

Tat ich. 

Sie lehnte sich an die Fensterfront, draußen hing Freiburg in gelbem Laternenlicht, drinnen hing ich an ihren Lippen, und sie sagte: „Sag mir was. Irgendwas, das nicht geschniegelt klingt.“ 

„Das schränkt meine Möglichkeiten erheblich ein.“

Jetzt lachte sie — dieses echte Lachen, nicht gespielt, nicht kalkuliert. Es stand ihr. „Gut. Dann fang klein an.“

Ich merkte, wie mein Kopf arbeitete. Wörter sortieren, Sätze bauen, Wirkung kalkulieren — dieser alte Automatismus. Und dann hörte ich damit auf. Schaute sie an, richtig an, nicht ihre Beine, nicht ihren Mund, nicht das schwarze Kleid. Einfach sie. 

„Ich glaube, ich hab‘ Angst.“

Draußen fuhr ein Motorrad vorbei. Irgendwo klang Glas. Hier drinnen stand alles still.

Sie – sagte nichts. Kam langsam auf mich zu, blieb direkt vor mir stehen und fragte ganz ruhig: „Vor mir?“

Ich schüttelte den Kopf. „Vor mir, wenn ich bei Dir bin.“

Ihr Lächeln verschwand. Nicht weil es schlechter wurde — sondern weil es echter wurde. Fast zärtlich. Sie lehnte ihre Stirn ganz leicht gegen meine, schloss für einen Moment die Augen und flüsterte: „Dann bist Du auf dem richtigen Weg.“

Stirn an Stirn. So nah, dass zwischen uns nicht einmal mehr ein Gedanke Platz gehabt hätte. Und ausgerechnet da dachte ich mehr als je zuvor. Natürlich. Was sonst? 

Ich roch ihr Parfüm, hörte sie atmen — ruhig, gleichmäßig, als wäre das hier für sie nichts Besonderes — und hatte Mühe, mich daran zu erinnern, wie Atmen eigentlich funktioniert. Dann löste sie sich, nur ein kleines Stück, gerade weit genug, um mich wieder ansehen zu können.

„Wer hat Dir beigebracht, Dich so gut zu verstecken?“

Ich lachte — Reflex, Schutzmechanismus, altbewährt. 

„Wahrscheinlich dieselben Leute, die mir beigebracht hätten, Krawatten zu binden.“

Sie grinste diesmal nicht. „Ich mein das ernst.“ 

Alles an dieser Frau meinte es ernst, sogar ihr Schweigen. Ich ging zum Fenster. Blickte hinaus. Freiburg lag da wie immer — ein paar Taxis, ein paar Besoffene, ein paar offene Fenster. Menschen, die schliefen. Menschen, die sich stritten. Menschen, die sich liebten. 

Und irgendwo mittendrin: ich. 

„Keine Ahnung. Vielleicht mein Vater. Vielleicht mein Stolz. Vielleicht einfach das Leben. Vielleicht die Angst, zu versagen. Nicht zu genügen.“

Hinter mir hörte ich ihre Schritte — leise, barfuß — und dann stand sie wieder neben mir. Schaute ebenfalls hinaus. Schwieg. Eine Minute, vielleicht zwei. Zeit war plötzlich ein ziemlich unzuverlässiges Konzept. 

„Was bleibt, wenn Du Dich nicht versteckst?“

Ich sah nicht sie an, sondern mein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Anzug. Gutes Auftreten. Saubere Schuhe. Kontrollierter Blick. Und dahinter? Ich atmete langsam aus. 

„Ein Typ, der lange so getan hat, als würde er wissen, wohin er läuft.“

Sie nickte. Und nahm dann einfach meine Hand. Nicht romantisch, nicht verspielt, nicht zögerlich. Als hätte sie beschlossen, dass Diskussionen manchmal Zeitverschwendung sind. 

„Gut. Dann lauf jetzt erstmal nirgendwohin.“

Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit tat ich genau das. Stand einfach da, ihre Hand in meiner. Und machte nichts. Klingt banal. War es aber nicht. Ich organisierte. Ich plante. Ich funktionierte — beruflich, privat, gesellschaftlich, und bewahrte selbst beim Scheitern noch die Haltung. 

Aber da, mitten in ihrer Wohnung, mitten in dieser Nacht, mitten in diesem verdammt seltsamen Moment, funktionierte gar nichts mehr. Und – es fühlte sich gut an. Frei. Leicht. Ehrlich. 

Sie ließ meine Hand los. Nicht abrupt — eher so, als würde sie prüfen, ob ich jetzt wieder in meine alte Rolle zurückfalle. Tat ich nicht. Stattdessen wartete ich. Auch so etwas, das mir normalerweise schwerfiel.

Sie ging zur Anlage. Altes Ding, schwarzes Metall, massive Knöpfe, kein Plastik, keine blinkenden Displays. Ich mochte sie dafür sofort noch ein bisschen mehr. Sie legte eine Platte auf — ja, eine Platte, und allein dafür hätte ich sie wahrscheinlich heiraten können — und nach einem leisen Knistern kam Musik. Patricia Barber. Tief, rauchig, spät. So Musik, die entweder zu gutem Whiskey passt oder zu Entscheidungen, die am nächsten Morgen Konsequenzen haben.

„Jazz?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nur an ungefährlichen Abenden.“ 

Ich fragte, was heute denn sei. Sie drehte sich langsam zu mir um, lehnte sich ans Sideboard, verschränkte die Arme. Und da war es wieder. Dieses verdammte Grinsen. „Was glaubst Du denn?“

Ich schaute sie an. Richtig. Mir fiel auf, dass sie nicht perfekt war — ein kleiner Schatten unter den Augen, eine winzige Narbe am linken Handgelenk, ein kaum sichtbarer Knick im kleinen Finger. Leben. Echtes Leben. Keine Fassade. Und genau das machte sie noch gefährlicher. 

Ich trat einen Schritt näher, noch einen, blieb stehen. „Ich glaube, Du weißt ziemlich genau, was Du tust.“

Sie lächelte. Ohne Ironie, ohne Spiel, fast traurig. „Nein. Ich weiß nur ziemlich genau, was ich nicht mehr tue.“

Autsch.

Wieder so ein Satz. So einer, der nicht nach Flirt klingt, sondern nach Geschichte. Nach Narben. Nach Nächten, über die man nicht beim ersten Whiskey spricht.

Ich wollte etwas sagen. Irgendetwas Kluges. Irgendetwas mit Tiefe. Irgendetwas, das zeigt, dass ich verstanden hatte. Aber alles, was ich rausbekam, war:

„Wer hat Dich verletzt?“ Manche Fragen ändern alles.

Sie sagte nichts. Nicht sofort. Und genau dieses Schweigen sagte mehr als alles, was sie bis dahin gesagt hatte.

Die Musik lief weiter. What a shame. Leise. Dunkel. Fast so, als hätte irgendjemand diesen Moment lange vorher geplant.

Sie senkte den Blick. Nur ganz kurz. Dann hob sie ihn wieder. Und plötzlich war da nichts Spielerisches mehr. Kein Grinsen. Kein Lächeln. Kein Flirt. Keine Bühne. Nur sie.

„Fast jeder.“

Es kam trocken über ihre Lippen. Ruhig – ohne Pathos. Fast als würde sie über das Wetter reden. Und genau deshalb trafen mich diese beiden Worte. Tut mir leid. Das kenne ich. Erzähl‘ mir davon. Sätze, die Menschen sagen, wenn sie sich wichtig fühlen wollen. Keiner davon kam mir über die Lippen. 

Ich schwieg. Sie nickte mir dankbar zu. Anerkennung. Der Typ kann die Klappe halten. Gut.

Sie nahm ihr Glas, drehte es langsam in der Hand, schaute nicht mich an, sondern den Whiskey.

„Mein Vater.“

Kurze Pause.

„Mein erster Freund.“

Noch eine.

„Mein Exmann.“

Sie hob leicht die Schultern.

„Ein Geschäftspartner.“

Sie sah mich direkt an. „Und, wenn ich ehrlich bin — ich selbst vermutlich am meisten.“

Stille, die jede unnötige Erklärung tötete. Ich weiß nicht, was mich mehr traf. Ihre Ehrlichkeit, oder dass ich sie sofort verstand. Ohne Rückfrage. Weil da plötzlich nicht mehr sie im Raum stand, sondern wir beide — mit all dem Mist, den Menschen so mit sich herumtragen.

Ich kam ihr näher. Nah genug, um wieder dieses warme Parfüm zu riechen, nah genug, um zu merken, dass ihre Stimme ruhig war — ihr Puls aber nicht. Aha. Also doch. 

Ich lächelte. Ganz leicht. „Gut.“ 

Sie blinzelte. „Gut?“

Ich nickte. „Dann sind wir schon zwei.“ 

Für einen ganz kurzen Moment verlor diese Frau die Kontrolle — nur für den Bruchteil einer Sekunde, ein Atemzug, ein kaum sichtbares Schlucken, ein Flackern in den Augen. Sie legte ihre Hand auf meine Brust. Direkt aufs Herz. „Lügst Du oft?“

Ich sah sie an. Lang. Nahm ihre Hand, ganz langsam, legte sie fester – auf mein Herz. „Vor anderen? Nicht annähernd so oft wie vor mir selbst.“

Draußen wurde es langsam hell.