Wir gingen zu ihr. Sie hatte es so gewollt.
Mir war das recht.
Ich mag es nicht, wenn fremde Menschen mein Zuhause betreten. Dann fangen sie an, sich für mein Leben zu interessieren. Für Bücher. Für Gläser. Für Staub. Für Dinge, die herumliegen und plötzlich aussehen wie Aussagen.
Oder sie wundern sich einfach nur.
Was fast schlimmer ist.
Also gingen wir zu ihr.
Freiburg lag draußen in dieser merkwürdigen Ruhe, die die Stadt nachts manchmal hatte. Diese komische Stille zwischen Studentenstadt und Provinz. Ein paar Betrunkene auf dem Heimweg. Ein Taxi. Nasse Straßen. Gelbes Licht auf altem Pflaster.
Respekt, dachte ich, als ich erneut ihre Wohnung betrat.
Die Dame hat Stil.
Dezent. Schlicht. Aber mit Haltung. Nichts Überladenes. Nichts Aufgeregtes. Keine Wohnung, die einem gleich erzählen wollte, wie interessant ihre Besitzerin war.
Zeige mir, wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist.
Marie wohnte, wie sie sich kleidete. Aus einem Guss.
Ihr Gesicht hatte etwas beinahe Aristokratisches. Nicht im Sinne von Geld. Eher im Sinne von Abstand. Von Haltung. Von Menschen, die gelernt haben, sich nicht jedem sofort zu erklären.
Ich war sehr angetan.
Sie führte mich durch den Flur.
„Bitte leg doch ab.“
Ich nahm auf der Couch Platz.
Artig.
Aufrecht.
Fast ein bisschen schüchtern.
Für gewöhnlich fläze ich mich auf eine Couch. Aber hier? Bei ihr? Ich saß brav da und tat so, als hätte ich das mit der Haltung irgendwann gelernt.
Innerlich war ich voller Spannung. Aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Mal. Was bei einer neuen Frau gar nicht so falsch ist. Bei einer neuen Frau ist es immer ein bisschen das erste Mal. Nur mit mehr Erfahrung und weniger Entschuldigungen. Meistens jedenfalls.
Marie stand vor mir und fragte, ob ich mit ihr einen Whiskey nehmen wolle.
Oh ja. Das wollte ich.
„Ja – gern“, sagte ich.
Sie ging, um die Drinks zu machen.
Ich ließ meinen Blick schweifen. Und meine Gedanken. Was selten eine gute Kombination ist. Nach ungefähr zehn Sekunden ertappte ich mich dabei, wie ich versuchte, sie mir nackt vorzustellen.
Natürlich tat ich das. Ich war schließlich kein Innenarchitekt.
In diesem Moment kam Marie mit den Gläsern zurück.
Sie stellte sie auf den Couchtisch, setzte sich zu mir, sah mich genau an — und ich wusste, dass sie wusste, was ich gerade gedacht hatte.
Augenscheinlich bin ich kein guter Schauspieler.
„Na“, sagte sie. „Hast Du Dir die Zeit gut vertrieben?“
„Ich hab so’n bisschen meine Gedanken schweifen lassen.“
„Und woran hast Du gedacht?“
„Och. Nichts Bestimmtes. Einfach nur so.“
Mein Hirn schien schon zu schlafen. Ich saß da mit der Frau, die mich mehr oder weniger abgeschleppt hatte, und mir fiel nichts ein außer Blabla.
Großer Auftritt. Ganz großes Tennis.
„Lebst Du allein?“, fragte ich endlich.
Marie nahm ihr Glas, drehte es langsam in der Hand und sah mich über den Rand hinweg an.
„Meinen letzten Freund hab ich kennengelernt, als er mir gerade über die Stiefel kotzte.“
Was sollte ich darauf antworten?
„Aha. Und? Hast Du die Stiefel wieder hingekriegt?“
„Nein. Ich hab sie gleich weggeschmissen.“
„Und was ist mit Deinem Freund?“
Scheiße, dachte ich. Sie ist nicht allein. Aber was mache ich dann hier?
„Was interessiert Dich das?“
„Ich wollt’s halt wissen. Ich möcht mich nirgends einmischen. Schon gar nicht in eine Kiste zwischen Deinem Freund und Dir.“
„Das ist nicht mein Freund“, sagte sie. „Das ist bloß der Typ, von dem ich mich hin und wieder bumsen lasse.“
Scheinbar gerate ich immer an die ganz besonders offenen Frauen, dachte ich. Und sagte bewusst langsam: „Aha.“
„Bist Du jetzt schockiert?“
„Nein.“
War ich auch nicht. Nicht wirklich. Vielleicht ein bisschen. Aber eher auf diese verwirrte Weise, in der ein Mann überrascht feststellt, dass eine Frau ihre eigenen Regeln hat und nicht vorher bei ihm um Genehmigung gefragt hat.
Marie nahm mich in den Arm.
Ich fühlte mich toll. So cool. So frei. So lächerlich leicht zu beeindrucken.
Und Marie fühlte sich gut an. Erst jetzt bemerkte ich richtig, was für einen fantastischen Körper sie hatte. Sie musste sehr sportlich sein. Nicht Fitnessstudio-sportlich. Nicht dieses Ich-habe-einen-Plan-und-einen-Proteinshake-sportlich. Sondern echt. Beweglich. Wach. Gegenwärtig.
Wir küssten uns.
Und ein Beben in mir brachte mich fast um den Verstand.
Sie nahm meine Hand und führte mich in ihr Allerheiligstes, wie sie sagte.
Ihr Schlafzimmer.
Natürlich.
Was denn sonst.
Sie stand vor mir. Gab mir diesen sanften, zärtlichen Blick aus ihren wunderschönen, braunen, traurigen Augen. Mein Herz schlug wie wild. Fast hatte ich Angst, sie könnte es hören.
Als sie ganz langsam, jede meiner Reaktionen auskostend, mein Hemd aufknöpfte, hätte ich ersticken mögen.
Schüchtern suchte meine Hand die ihre.
Sie nahm sie und führte sie an ihrem Körper entlang. Langsam. Genussvoll. An ihre Brust.
Durch die dünne Seide ihrer Bluse konnte ich jedes Detail spüren.
Mir wurde warm.
Nein.
Mir wurde heiß.
Ich fragte mich kurz, ob sie morgens auch noch so schön aussah. Was natürlich eine vollkommen lächerliche Frage war. Frauen wie Marie sahen vermutlich sogar besser aus, wenn sie einen hassten.
Für einen Moment schreckte ich innerlich zurück.
Nicht vor ihr.
Vor dem, was ich kannte.
Die Erinnerung an das letzte Mal, als ich mich lustgesteuert im Bett einer Frau wiederfand. Erst die süße Kleine. Dann die Barmieze. Diese ganze Nacht, die irgendwo zwischen Farce und seelischer Körperverletzung pendelte.
Aber hier bei Marie war keine Barmieze zu entdecken. Es schien auch keine zu lauern. Trotzdem suchte ich noch einmal den Haken an der Sache. Fand keinen. Was mich misstrauisch machte.
Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
Ich ließ es zu.
Es war wunderschön.
Sie war wunderschön.
Wie sie da lag. Unschuldig und hilflos, und doch voller Erwartung. Ich wollte es ganz perfekt machen. Langsam. Spielerisch. Ohne Fehler. Ohne Patzer.
Ich wollte ihr alles geben.
Mein Begehren.
Meine Bewunderung.
Meine kleine, lächerlich aufgeräumte Männerseele, die in solchen Momenten immer glaubte, sie hätte endlich verstanden, worum es im Leben ging.
Sie verkörperte die große Hoffnung, meinem Leben eine entscheidende Wendung zu geben.
Ein Teil von mir wollte sie retten. Der andere wollte hauptsächlich mit ihr schlafen. Ich war nicht sicher, welcher Teil gerade gewann. Vermutlich keiner. Vermutlich waren Männer einfach komplizierter darin, sich ihre einfachen Bedürfnisse schönzureden.
Ich beschloss, sie ganz langsam immer weiter zu reizen.
Sie zitterte am ganzen Körper.
„Sie tropft wie ein Kieslaster“ — hätte Bukowski geschrieben.
Ich schluckte den Gedanken und wusste, dass es bei ihm cool geklungen hätte. Bei mir klang es im Kopf wie ein Satz, für den man besser allein bleibt.
Sanft, aber bestimmt griff sie mir in die Haare und zog meinen Kopf zu sich herauf.
Küsste mich.
Schaute mir fast ein bisschen verliebt in die Augen.
„Ich will Dich“, sagte sie. „Ich will Dich mit Haut und Haaren. Ich will Dich spüren. Ganz. Nicht nur Deinen Körper. Dich.“
Ich sah sie an.
Das war genau das, wovon ich geträumt hatte.
Und dann ließ mich mein bester Freund im Stich.
Erst dachte ich:
Scheiße. Das kann doch nicht wahr sein.
Dann:
Na super.
Dann:
Shit.
Und dann:
Warum?
Doch da war es schon zu spät. Marie hatte mitbekommen, dass etwas nicht lief, wie es sollte. Natürlich hatte sie das. Frauen merken so etwas. Männer merken ja oft nicht einmal, dass sie seit zehn Minuten auf einem falschen Stuhl sitzen.
Ich wollte ihr erklären.
Doch wie fast alle Frauen bekam auch sie alles in den falschen Hals.
„Du denkst an eine andere“, sagte sie.
Nicht als Frage.
Als Urteil.
„Versuch nicht, das zu verheimlichen.“
Ich öffnete den Mund.
„Spar Dir das.“
Sie stand auf. Zog sich an. Langsam. Mit dieser Ruhe, die schlimmer ist als jeder Schrei.
Ich saß auf der Bettkante und suchte Worte, die nicht kamen. Alles, was ich sagte, machte es schlimmer. Jeder Satz grub tiefer. Irgendwann hörte ich auf zu reden.
Marie war nicht mehr bereit zuzuhören.
Also zog ich mich an. Ließ mich von ihr noch etwas demütigen. Und verließ reichlich gedrückt ihre Wohnung.
Alles hätte so schön sein können.
Langsam ging ich die nasse Straße hinunter. Hinaus in die dunkle Nacht. Das Thema Marie schien erledigt zu sein. Vielleicht hatte ich mich in ihr getäuscht. War sie das, was ich gesehen hatte? Oder was ich zu sehen geglaubt hatte? Hatte ich etwas in ihr gesehen, was gar nicht wirklich da war? Galt meine empfundene Zuneigung ihr? Oder einer anderen? Oder wollte ich mich nur so gerne selbst in der Rolle des Liebenden sehen?
Diese und andere Fragen schossen mir durch den Sinn, als ich so verloren durch die nächtlichen Straßen strich.
Wie ein Kater auf der Suche nach einem Zuhause.
Tom sagte noch ein paar aufbauende Worte, ehe wir uns trennten. Tom konnte aufbauende Worte sagen, die klangen, als hätte jemand einem Pflaster eine Sonnenbrille aufgesetzt.
Ich stand da rum wie ein einsamer Wolf auf der Suche nach Beute.
Ausgehungert von dem Bedürfnis nach Nähe. Nach Weiblichkeit. Im schönsten Sinne des Wortes.
Kennst Du dieses Gefühl? Dieses Ausgezehrtsein. Diesen tiefen Wunsch im Innern. Dieses Verlangen nach Stillung.
Der Geist beseelt von einem einzigen Wunsch, den man in jeder Faser des Körpers spürt, den man schon riechen und schmecken kann. So ging es mir in diesem Moment.
Ich stand einfach nur da. Und hatte Sehnsucht.
Sehnsucht nach Frau.
Ich halte besondere Eindrücke in Gedichten fest. Wenn ich sie dann wieder lese, ist mir nicht nur die Situation wieder im Sinn — sondern das ganze Drumherum. Und die alten Gefühle kommen zurück.
Manchmal will man das. Manchmal ist man einfach zu müde, um sich dagegen zu wehren. Das hier ist einer ganz speziellen Dame gewidmet. Sie weiß es nicht. Und sie wird es nie erfahren.
SEHNSUCHT
Die Seele schreit – der Körper ist zerrissen.
Erst sind es nur Fragen, die quälen.
Doch mit dem Warten kommen die Zweifel.
Ist alles Wahrheit?
Die Liebe?
Die Gefühle?
Der Glaube?
Ihre Liebe, ihre Gefühle, ihr Glaube?
Was ist mit ihr?
Wo ist sie?
Und wer ist sie?
Und wieder einmal ist es die Zeit, die quält.
Immer wieder die Zeit…
Und dann?
Langsam viele, kleine Tode sterben,
bis endlich die Erlösung kommt –
das Wiedersehen mit Dir.
Nun – sie ist damals nicht gekommen.
Also stand ich da rum und ließ meinen müden Blick schweifen. Auf der Kippe zum Selbstmitleid betrachtete ich die Szenerie. Da und dort blieb mein Blick für einen kurzen Moment an der einen oder anderen Frau haften, um dann sogleich weiter zu huschen.
In all dem Trubel um mich herum wurde es mit einem Mal still in mir. So als ob jemand den Ton abgeschaltet hatte. Ich sah die Bilder. Gesichter flogen an mir vorbei, doch ich hörte nichts. Nur meine Gedanken.
Marie.
Deutlich sah ich sie vor mir. Wie gern hätte ich sie angerufen. Der nächste Tag war kein richtiger Tag. Die Zeit verging so nebenbei. Als ob sie gar nicht zum Leben dazugehöre. Ich saß im Büro und brachte keinen klaren Gedanken zu Papier. Immer wieder schossen mir die Bilder vom vergangenen Abend in den Sinn.
Ich muss mir endlich klar werden, was mit mir los ist.
Was oder wer mir fehlt.
Wem meine Zuneigung gilt.
Diesen Gedanken wurde ich den ganzen Tag nicht mehr los.
Da gab es die Kleine aus der Bar. Die Sprechstundenhilfe. Marie. Und dann gab es da immer noch Sarah.
Sarah.
Aus meinem Kopf hatte ich sie drängen können. Aus meinem Herzen nicht. Das ist der Unterschied, den man sich am längsten einredet, dass er keiner ist.
Ich ging mir einen Kaffee holen und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Nichts wollte zusammenpassen. Aber immer wieder kam mir Marie in den Sinn. Wie ein Dieb schlich sie sich in mein Gemüt.
Ich schloss die Augen und meinte, sie spüren und riechen zu können. Ich streichelte meinen Schreibtisch und meinte, es wäre ihre Haut. Ich roch sie. Ich spürte sie. Sie war beinahe real.
Sie verkörperte die große Hoffnung, meinem Leben eine entscheidende Wendung zu geben. Für sie wollte ich alles tun. Mich ihr hingeben. Sie auf Händen tragen. In ihr versinken. Eins werden. Abtauchen in ein tiefes Gefühl der Selbstverständlichkeit und Sicherheit.
So verbrachte ich den Tag.
Eingekuschelt in eine Sehnsucht, die keinen Ausweg hatte.
Außer einem.
Ich stand wieder vor ihrer Tür.
Nicht weil ich einen Plan hatte.
Nicht weil ich die richtigen Worte gefunden hatte.
Sondern weil es das Einzige war, das mir noch einfiel.
Manche Entscheidungen trifft man nicht. Man stellt nur irgendwann fest, dass man sie längst getroffen hat.
Sie machte auf.
Braune Augen.
Dieser Blick.
Ich dachte:
Scheiße.
Nicht Hallo.
Nicht Oh, Du bist das.
Nur dieser Blick, der alles sagte und gleichzeitig gar nichts hergab.
Und dann:
„Komm rein.“
Sie hatte Whiskey gemacht.
Wieder.
Diesmal mit Eis.
Zwei Gläser. Zwei Eiswürfel. Kein Kommentar dazu. Als wäre es selbstverständlich. Als hätte sie es beim letzten Mal schon gewusst und sich nur noch nicht getraut.
Ich saß auf der gleichen Couch.
Der gleiche Couchtisch.
Das gleiche seidene Licht.
Das Glas in meiner Hand war kalt, und ich ließ es kalt sein. Ich trank nicht sofort. Ich hielt es nur. So ein Anker. Etwas Greifbares, während der Rest des Raumes ein bisschen zu viel von allem war.
Nur ich war diesmal anders.
Weniger artig.
Weniger angespannt.
Oder nein. Anders angespannt. Nicht der Teenager vor dem ersten Mal. Eher der Mann, der weiß, was auf dem Spiel steht, und trotzdem weitermacht.
Sie sah mich an.
„Du hast was auf der Seele.“
„Ich hab gar nichts auf der Seele“, sagte ich.
Sie lächelte. Dieses Lächeln, das Frauen hinkriegen, wenn sie ganz genau wissen, dass man lügt, und sich entscheiden, es nicht sofort zu zerlegen. Weil sie warten können.
Marie konnte warten.
„Es war nicht das, was Du dachtest“, sagte ich.
Kein Anlauf.
Kein Ich wollte eigentlich.
Einfach raus damit.
Sie sah mich an.
Nicht feindselig.
Nur aufmerksam.
So eine Art Aufmerksamkeit, die man selten bekommt. Die meisten Menschen hören nicht zu. Sie warten nur auf die Stelle, an der sie wieder selbst drankommen. Marie nicht. Das hatte sie beim ersten Mal auch getan.
Bis es ihr zu viel wurde.
„Ich hatte Angst“, sagte ich.
Das Wort kam raus, bevor ich es zurückhalten konnte.
Ich hasste es sofort.
Männer sagen Angst, und Frauen hören schwach. Oder sie hören ehrlich. Meistens weiß man nicht, welches davon schlimmer ist.
Marie sagte nichts.
„Nicht vor Dir“, sagte ich. „Vor dem, was da gerade passiert ist. Vor dem, was ich gespürt habe. Das war mehr als ich erwartet hatte. Und dann hat mein Kopf angefangen zu rechnen. Wann das schiefgeht. Wie sehr das wehtun wird. Und während mein Kopf gerechnet hat, hat mein Körper einfach aufgehört.“
Stille.
Nicht die unbehagliche Sorte. Eher die, die entsteht, wenn jemand etwas gehört hat und jetzt entscheidet, was er damit macht.
„Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe“, sagte Marie.
„Ich weiß.“
Sie musterte mich einen Moment.
„Du hast also so lange Angst gehabt, bis Dein Schwanz beschlossen hat, Betriebsversammlung zu machen?“
Ich starrte sie an.
„Das klingt deutlich lustiger, als es sich angefühlt hat.“
„Das ist bei Männern erstaunlich oft so.“
Ich musste lachen. Nicht viel. Nur kurz. Aber es reichte, um den Knoten ein bisschen zu lockern.
„Du hättest es mir einfach sagen können“, sagte sie.
„Du hast nicht zugehört.“
„Du hast nicht angefangen.“
Da saßen wir.
Zwei Erwachsene, die dasselbe wollten und beide zu sehr damit beschäftigt waren, sich selbst im Weg zu stehen.
Ich hatte seit Stunden nichts gegessen. Das fiel mir ausgerechnet in diesem Moment ein. Der menschliche Körper hat ein bemerkenswert schlechtes Timing.
Marie stellte ihr Glas hin.
Ich stellte meins hin.
Sie sah mich an. Genau diesen Blick aus ihren wunderschönen, braunen, traurigen Augen. Nur diesmal ohne die Traurigkeit.
Oder nein. Die Traurigkeit war noch da. Aber dahinter war noch etwas anderes.
Sie nahm meine Hand. Diesmal ließ ich sie.
Was danach war, kann ich Dir nicht wirklich erzählen. Nicht weil ich’s geheim halten will. Sondern weil es kaputtgehen würde, sobald man versucht, es ordentlich aufzuschreiben. Es fühlte sich anders an als alles davor. Keine Erwartung mehr. Kein Berechnen. Kein Himmel. Kein Paradies. Keine Frage, welches von beiden es war.
Nur ihre Haut.
Meine Hände.
Ihr Atem.
Meiner.
Und irgendwo draußen Freiburg, das so tat, als hätte es mit all dem nichts zu tun.
Es war nicht perfekt. Es war besser als perfekt. Zumindest redete ich mir das ein.
Und vielleicht stimmte es sogar.
Gegen Mitternacht lagen wir nebeneinander, und sie schlief fest. Ich lag wach und hörte ihr Atmen. Draußen regnete es. Fein. Fast unhörbar. So ein Regen, der sich nicht entscheiden kann, ob er ankommen oder wieder aufhören will.
Ihr Gesicht lag halb im Schatten der Straßenlaterne.
Ich fragte mich kurz, ob sie morgens auch noch so schön aussah. Was natürlich eine vollkommen lächerliche Frage war. Frauen wie Marie sahen vermutlich sogar besser aus, wenn sie einen hassten.
Ich könnte mich verlieben, dachte ich.
Und dann, einen Herzschlag später:
Das wird ein Problem.
Beides stimmte.
Ich ließ es trotzdem zu.
Einer von diesen Tagen eben. Aber diesmal ein guter.
Du weißt schon, welche ich meine.
