Vor etwa neun Jahren.

Die Nacht lag leblos über der Stadt. Giulia griff in ihre Tasche. Ihre Fingerspitzen tanzten auf Glas und Metall. Vertraute Freunde in der Stille. Sie prüfte noch einmal, ob sie hatte, was sie brauchte. Alles hatte seinen charakteristischen Klang, ein eigenes Flüstern in der Stille. Eine schöne Auswahl hatte sie vorbereitet.

Haldol, Leponex, Ritalin, Spiropent, Musaril forte. Namen wie Gebete. Dazu ihre Lieblinge – die speziellen Tropfen, die Träume stahlen und Willen brachen. 

Sie hatte ihre Uniform gegen ein Abendkleid getauscht. Das berühmte ‚kleine Schwarze‘. Doch was sie gelernt hatte, trug sie noch immer in sich. Jede Substanz ein Pinselstrich auf der Leinwand des Bewusstseins. Jede Dosierung eine Gleichung der Kontrolle.

Gammahydroxybutyrat-basierte Mittel mochte sie nicht. Sie schmeckten leicht seifig. Es wäre schade um den Wein, den sie präparieren würde. Sie bevorzugte Flunitrazepam, besser bekannt als Rhohypnol und Diazepam. Vor allem aber Ketamin. Ketamin war ihr Liebling.

Sie prüfte. Noch einmal. Und noch einmal. Die Finger zitterten – nicht vor Angst, vor Vorfreude. Vor der süßen Erwartung dessen, was kommen würde. Die synthetische Partitur ihrer Symphonie lag ausgebreitet vor ihrem inneren Auge. Moleküle statt Noten, Manipulation statt Melodie.

Haldol, stumpfer Schlag ins Bewusstsein, 25 Milligramm als Startdosis. Leponex, 700 Milligramm, Käfig fürs Denken. Ritalin, 60 Milligramm, paradox scharf und betäubend zugleich. Dosierungen, die Psychiater erbleichen ließen. Spiropent, 80 Mikrogramm, Atembeschleuniger. Musaril forte, 150 Milligramm, verlässliche Lähmung Stück für Stück. Ergänzt durch die Tropfen, die Willen brachen, Erinnerungen zerfrästen. 

Über allem: Ketamin. 250 Milligramm intramuskulär – berechnet für 83 Kilogramm Körpergewicht, drei Milligramm pro Kilo. Vollständige Dissoziation. Ihr Werkzeug, um Körper und Geist in Schwebe zu halten, zwischen Funktion und Stillstand. Rhohypnol, Diazepam – nützliche Optionen, je 2 bis 5 Milli- gramm oral oder sublingual.

Präzise Waffen, klinisch sauber. 

Die Schatten ihrer Absichten tanzten wie Marionetten vor ihr. Giulia bemerkte, wie sich ihr Atem veränderte – flacher, kontrollierter wurde. Sie genoss den metallischen Geschmack in ihrem Mund. Bitter und süß zugleich. Ihre Fingerspitzen kribbelten bei jeder Berührung der Ampullen, als flüsterten die Glasfläschchen ihre finsteren Geheimnisse direkt in ihre Haut. Das sanfte Klirren der Medikamente wurde in ihren Ohren zu einer verführerischen Melodie – ein Präludium zu ihrem nächtlichen Konzert der Kontrolle. Die Vorstellung des Kommenden durchströmte ihre Adern wie ein dunkles Gift. Sie würde nicht nur Körper und Geist beherrschen – sie würde zur Architektin eines neuen Bewusstseins werden. Zur Schöpferin eines neuen Menschen, geformt nach ihrem Willen, geprägt von ihrer Vision. Jeder Tropfen, jedes Milligramm musste perfekt abgestimmt sein – eine chemische Choreografie des Verfalls und der Wiedergeburt.

Nach dem Wein würde es einen wunderbaren Cocktail geben. Das Ketamin würde ihn in einen Schwebezustand versetzen. Seine Wahrnehmung würde sich auflösen wie Zucker im Regen. Atmung und Herz-Kreislauf blieben in Takt, würden weiterfließen wie ein ruhiger Strom. 

Haldol und Leponex würden ihn dahinbringen, wo sie ihn haben wollte. Seinen Geist zugänglich machen und ertragen lassen, was folgen würde – ohne Gegenwehr. Ohne Widerstand. Ritalin für den Zwang zur Aufmerksamkeit. Prägungen würden neu geschrieben werden.

In diesem Dämmerzustand würde sich ihr Bild als Erlöserin in seine Seele brennen. Unauslöschlich. Ein Brandmal der Gnade, das nie verblassen würde. Er würde schweben, sich an nichts erinnern – außer an sie. An ihre Hände, die ihn vom Rand des Abgrunds zurückzogen. An ihre Stimme, die ihn aus der Dunkelheit rief. 

Das würde haften bleiben. Für immer.

Der Cocktail würde ihn sanft in die Tiefe ziehen, wie schwarze Seide, die sich um seinen Geist wickelte. Das Musaril dazu würde seine Muskeln in entzückende Hilflosigkeit betten. Bewegungen auf null setzen. Zwei, drei Tage gefangen halten in einem Kokon aus künstlicher Entspannung, schwerelos in einem Ozean aus Abhängigkeit. 

Bewegungsunfähig. Kontrollierbar. Zwei, drei Tage absolute Macht über jeden Zentimeter seines Körpers. Zeit genug, um ein neues Bewusstsein zu erschaffen.

Mit Spiropent würde sie seine Lungen öffnen, weit und bereit für das Spiel mit dem Leben selbst. Sie würde ihm die Luft nehmen und wiedergeben, ihn an den Rand des Todes führen und zurückholen. Immer wieder. Bis er verstand, dass sie seine Göttin war. Seine Erlöserin. Seine einzige Hoffnung. 

Ein präzises Spiel mit der Todesangst. Minutenweise Kontrolle über Atmung, Herzschlag, Kreislauf. Nahtod als wiederholbares Verfahren. Seine Atemzüge würden zu ihrem Instrument, jedes Luftholen ein Geschenk aus ihrer Hand. In diesen Momenten zwischen Leben und Tod würde sie zur Gebieterin über seine Existenz werden. Zur Gestalterin seines neuen Selbst.

Sie würde jeden Moment genießen, jede Nuance der chemisch induzierten Kapitulation. Die Zeit würde sich dehnen wie Honig, während sie über ihm wachte. Sie, Erlöserin und Verdammende zugleich. Jeder Atemzug, jeder Herzschlag von ihm würde ihrer Choreografie folgen. In der dunklen Liturgie der Kontrolle war sie nicht Täterin; sie war zur Dirigentin seines kontrollierten Niedergangs erblüht, Herrin seines neuen Bewusstseins.

Zur Sicherheit hatte sie eine kleine Ampulle Propofol eingepackt. Just in case. Falls die Kunst in Notwendigkeit umschlagen sollte.

Giulia lächelte in die Nacht hinein. Sie wusste, was sie tat. Sie wusste, warum und wofür.

Er nicht. 

Er ahnte nicht einmal von dem Inhalt ihrer Tasche. Ahnte nicht, dass seine alte Welt in wenigen Stunden nicht mehr existieren würde. Dass er selbst nicht mehr existieren würde – nicht so, wie er sich kannte.

Die Dunkelheit wartete. Geduldig. Hungrig.

Und Giulia war bereit, sie zu füttern.