Etwa neun Jahre später.
Es war für Lia nicht ungewöhnlich, dass sie heimlich, im Stillen, bewundert wurde. Sie wusste um ihre Ausstrahlung und um die vermeintliche Exotik, die sie in der modernen Welt umgab. Eine Künstlerin, feminin und doch dominant.
Dominant auf den zweiten Blick. Versteckt. Ihre Dominanz schlich sich an. War für das männliche Gegenüber nicht direkt erkennbar. Erst wenn ‚er‘ sich in den Fängen ihrer sinnlichen Weiblichkeit hoffnungslos verstrickt und verheddert hatte, offenbarte sie ihre eigentliche Waffe. Eine vollkommen natürliche Dominanz, die keinen Zweifel daran ließ, was sie als richtig oder falsch ansah, als Bedingung für eine Fortführung ihrer Begegnung. Die Voraussetzung für ein weiteres Kennenlernen. Für das Opfern ihrer Zeit. Zeit, die von ihrer Schaffenskraft abging im Atelier. Zeit, die sie opferte, um auszuwählen, wer sie würde befriedigen dürfen. Wer sich als würdig genug erweisen würde, sich hinzugeben, um sie zu erfahren.
Manchmal war es anstrengend. Männer einfach zu fantasielos. Zu einfach zu haben. Nicht interessant. Männer, die ihr direkt die Kehle boten, langweilten sie entsetzlich. Sie taugten nicht einmal zum Frühstück – geschweige denn waren sie ein ausreichendes Mahl.
Es war Zeit. Lia war hungrig. Sie wollte jagen. Edelwild. Kein Hausgetier. Sie wollte ihren Hunger stillen. Ihre Beute erlegen. Das würde ihr wahre Befriedigung verschaffen. Eine Erfüllung weit abseits eines schnellen Ficks in einem Hotelzimmer. Egal wie teuer und exklusiv das Zimmer sein mochte. Es würde immer nur ein schneller, billiger Fick sein. Nichts, was sie noch kickte.
Nein, Lia brauchte echtes Fleisch. Wild. Einen Mann, der sich nie einer Frau unterwerfen würde. Alpha. Reines, männliches Alpha – das war die Quelle ihrer Lust. Schwer zu finden unter den Waschlappen, die sie anbeteten. „Da mach ich es mir doch lieber selbst.“
Was Lia brauchte, war leicht zu beschreiben. Einen Mann. Einen echten Mann. Mit beiden Beinen im Leben stehend. Selbstbewusst, sich seiner Wirkung auf Weibchen bewusst. Beruflich mehr als erfolgreich, exponierte Stellung. Gesellschaftlich anerkannt. Ein Anführer, aber mit Stil. Alte Schule. Ein Alpha.
Solch einen Mann spielerisch zu unterwerfen, ihn zu führen, ihn abhängig zu machen von ihrer Gunst. Ja, das würde Lia gefallen. Einen Alpha zu domestizieren, ihn zu formen, ihr zu folgen. Das war der Stoff, aus dem die Helden ihrer Lust waren.
Die meisten Männer waren ihr nicht gewachsen. Langweilig. Lösten nichts in ihr aus. Lia wurde nicht mehr feucht, wenn sie einen dieser Möchtegern-Alphas zu ihren Füßen hatte.
Lia brauchte etwas anderes. Einen Mann, der liebevoll und zärtlich war. Der auf ihre Bedürfnisse einging, ohne die Flucht zu ergreifen. Dieser ‚er‘ musste stark genug für sie sein. Sie würde ihn sanft unterwerfen und darauf achten, dass es ihm gut erging. Er sollte sein Alpha voll ausleben – während sie sich daran labte, wenn er zu ihren Füßen lag. Freiwillig. Aus eigenem Willen. Weil er wusste, dass es ihm guttun würde.
Lia würde nie grob oder brutal werden. Ihre Dominanz war liebevoll. Vollkommen natürlich. Sie wollte ihrem männlichen Gespielen nichts Böses. Lia meinte es ehrlich. Tiefe, warme Gefühle empfand sie. Fürsorge. Achtung vor Bedürfnissen und Grenzen. Sie wollte Wärme geben. Geborgenheit. Sicherheit.
Sie wollte sich hingeben – ganz und gar.
Sie würde nie verletzen wollen. Der Mann, den sie als ihren akzeptierte, war ihr wertvollster Besitz. Ihr Ein und Alles. Ihre Quelle der Erfüllung. Sie würde ihn beschützen vor allen Widernissen des Lebens – bis zum Letzten. „Ihr“ Mann würde es mehr als gut bei ihr haben.
Einzige Bedingung: Akzeptanz ihrer natürlichen, weiblichen Überlegenheit. Hingabe. Führung. Unterwerfung.
Daraus zog sie ihre Energie. Aus der Bändigung eines Mannes, der sich nie einer Frau untergeordnet hätte. Ihm galt all ihre Liebe, ihre Aufmerksamkeit, ihre Fürsorge. Ihn zu beschützen, zu unterstützen, zu fördern – das war ihr Ziel. Seine Stärke im Leben wachsen zu lassen.
Seine Stärke war ihre Quelle.
Eine Symbiose. Liebevoll und zärtlich. Durchaus auf Augenhöhe. Nie herabsetzend. Wichtig war nur, dass Lia am Ende des Tages Richtung und Geschwindigkeit bestimmen konnte. Nicht böse. Niemals erniedrigend oder herablassend. Es war schlicht für beide zum Besten, wenn er sich fügte – ihrem Willen.
Sie würde stets fürsorglich sein. Er würde aufblühen unter ihrer Führung.
Und das war nur die Oberfläche. Lia war bereit, für Männer ungeahnte Höhen und Tiefen zu ermöglichen. Ein Mann musste sich nur fallenlassen. Es zulassen. Gut – im Vorfeld musste er sich als würdig erweisen. Aber dann? Lia würde sich hingeben. Vollkommen.
Ihre Liebe war ehrlich und rein. Aufrichtig. Einzig musste er sich ebenfalls hingeben. Sich fallen lassen. Ihr die Führung überlassen durch Ekstase, Leben, Liebe und Alltag.
Lia wusste, dass sie das besser konnte als die Männer. Sie wusste es schon immer. Schon als kleines Mädchen war sie besonders. Alle mochten sie. Folgten ihr. Automatisch.
Nun, gerade so in der zweiten Lebenshälfte angekommen, hatte Lia ein anderes Körperbewusstsein erlangt. Eine andere Reife. Sie wollte keinen Konsum mehr. Keinen Fick, der ihr nichts brachte. Sie wollte einen Mann, der ihr gewachsen war. Einen, der sich voller Respekt von ihr führen ließ. Ohne sein Ich dabei zu verleugnen oder gar zu verlieren.
Eine herausragende Persönlichkeit und doch – im Privaten – zu ihren Füßen. Nie herabsetzend. Freiwillig. Getragen von aufrichtiger Liebe und wechselseitigem Respekt.
Tom war dieser Mann. Lia hatte ihn kennen und lieben gelernt bei einem Kunstevent. Staatsgalerie Stuttgart, Frühsommer 2024. Er war herrlich tollpatschig gewesen, dieser weltgewandte Mann. Hatte ihr Kleid ruiniert. Indische Seide. Unwiederbringlich zerstört.
Doch seine stahlgrauen Augen, seine Unbeholfenheit hinausschreiend, zeigten ihr die Wahrheit. Ein Mann von Welt. Hochnotpeinlich berührt von der Situation, als er ihr unabsichtlich ein Glas Weißwein über ihr Kleid goss.
Lia lächelte. Sie erinnerte sich gern an den Moment der ersten Begegnung. An den Mann im besten Alter. Gelangweilt auf einer Veranstaltung, auf der sie auch nur zufällig gewesen war. Es war ein aufregender Abend gewesen. Leicht und frei. Sie hatten Sex im Auto. Wie Teenager. Einfach so.
Es war ihr Beginn. Lia hatte ein gutes Gefühl. Dieser Mann war Edelwild. Passend. Endlich.
Tom hatte sich nach kurzer Zeit freiwillig und vollkommen in Lias Führung begeben. Lia fühlte, dass er es wollte. Tom wollte zu gern Verantwortung abgeben. Sich fallen lassen. Sich führen lassen. Und sie, Lia, würde ihn führen. Mit Liebe und Weitsicht durch die Untiefen des Lebens. Fürsorglich.
Es waren schöne Tage und Wochen. Leicht, unbeschwert und spielerisch. Lia war dann und wann erstaunt, mit welcher Leichtigkeit sie Richtungen bestimmen oder korrigieren konnte. Sie ahnte recht bald, dass sie nicht die erste dominante Frau in Toms Leben war. Er reagierte zu leicht. Zu perfekt.
Als ob da jemand gute Vorarbeit geleistet hatte.
Es war ein liebevoller Moment, als sie ihn bat, von seiner Vergangenheit zu berichten. Lia war voller Wärme und Zugewandtheit. Sie wusste, dass es Tom nicht leichtfallen würde, sich komplett zu öffnen. Sie war bereit, ihn aufzufangen, wenn er fallen sollte. Sie war stark genug.
Er war der Mann, in den sie sich verliebt hatte. Ehrlich. Ohne Schutz, bereit, sich hinzugeben. Lia meinte es ehrlich. Sie war reinen Herzens.
